Sylvia Crumbach

Sylvia Crumbach
Ein Nachruf vom Barkhauser Berg


Unsere langjährige Kollegin Sylvia Crumbach ist gestorben. Eine miese, unerbittliche Krebserkrankung hat eine der stärksten Frauen in der deutschen Archäologie schleichend besiegt. Quasi mit letzter Kraft und mit unglaublicher Energie hat sich Sylvia in ihren letzten Tagen diesen Sommer immer wieder von Duisburg nach Oerlinghausen geschleppt, weil sie in der Arbeit im Freilichtmuseum einen erfüllenden Teil ihres Lebensabends sah.

Das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen hat von Sylvias zeitlebens verschwenderisch verteilter Energie enorm profitiert. Dass sie über ein Jahrzehnt hinweg die Hauptansprechpartnerin für die Wikingertage war, ist sicher für viele der augenscheinlichste Bezug. Wer erinnert sich nicht an die von ihr allein organisierte, sprichwörtliche rundum-glücklich-Versorgung der Gruppen? Vielen Darstellerinnen und Darstellern aus dem In- und Ausland brachte das eine völlig ungewohnte Intensität der Wertschätzung. Vor allem hat Sylvia aber das Museum inhaltlich geprägt. Niemand wird mehr so kritisch und unterhaltsam zugleich die Modenschauen moderieren. Der von Sylvia 2016 entwickelte Inklusionskoffer mit zahlreichen Lernmöglichkeiten für Sehbehinderte setzt Maßstäbe. Der Drogengarten und der karolingische Garten wurden auch von ihr be- und überarbeitet. Zahlreiche Veranstaltungen im Museum wie die Franken- und Sachsentage, diverse Buchvorstellungen, die Brettchenwebtreffen, die Wikingerfußballvorführung und vieles mehr tragen Sylvias Stempel. Nicht mehr teilnehmen kann sie nun an der von ihr mitinitiierten Veranstaltung „Weibsbilder“ nächstes Jahr, in der es um weibliches Living History geht.

Sehr präzise hat Sylvia erkannt, dass die feinen sozialen Unterschiede in Deutschland nicht am Elfenbeinturm der Wissenschaft abgelegt werden. Insbesondere einige akademische Projekte zur Erforschung des Living History gingen ihr gehörig auf die Nerven. Wurde da doch teilweise gewaltig die Distinktionsmaschine angeworfen. Auch auf den von ihr geliebten NESAT (North European Symposium for Archaeological Textiles) – Tagungen gab es Ausgrenzungsversuche. Manche der etablierten Textilarchäologinnen hätten gerne die Praxis draußen gelassen. In eiserner Konsequenz begann deshalb Sylvia eine akademische Karriere an der Fernuniversität Hagen. Dies war und ist eine der wenigen Möglichkeiten für im Handwerk arbeitende Menschen für einen seriösen Universitätsabschluss. Ungewöhnlich schnell wurde sie Dozentin der Universität Bielefeld und auf archäologische Fachtagungen eingeladen. Nur so war der Bauchaufschwung vom Forschungsobjekt zum Forschungssubjekt möglich. Aus diesem Grund engagierte sie sich auch für die DGUF, die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte. Die DGUF wäre nach wie vor eine hervorragende Organisationsplattform für das deutsche Living History, um eine Lobby im Fach zu bekommen. Und um sich mit der Wissenschaft zu vernetzen. Ohne Sylvia wird dieser Weg nun weitaus schwieriger.

Ihre Bachelorarbeit zur Geschichte unseres Museums war so eindrucksvoll, dass sie vom  renommierten Welt und Erde Verlag als Monografie veröffentlicht wurde. Gedruckte Bachelorarbeiten sind äußerst selten. Den Master widmete sie einem hochinteressanten, von ihr erst bemerkten blinden Fleck in der Bronzezeitarchäologie: Bronzezeit wird seit dem 19. Jahrhundert besonders hehr und puristisch dargestellt. Sylvias durch viele Belege und Beobachtungen untermauerte These ist nun, dass die frühe völkische Bewegung ein Gegenstück zum – ebenso hinterfragbaren – Ideal der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der klassischen Antike geschaffen hat. Dieses Sehnsuchtsbild der Bronzezeit wirkt nachhaltig, man denke nur an den aktuellen Hype um die Scheibe von Nebra und das postulierte „Reich von Aunjetitz“. Neu ist unter anderem Sylvias Beobachtung, wie stark die Dienstmädchenkleidung des 19. Jahrhunderts das Bild bronzezeitlicher „Trachten“ beeinflusst hat. Es wäre ein Gewinn für das Fach, wenn diese Arbeit posthum publiziert würde. Sylvia stand wissenschaftlich kurz vor ihrer produktivsten Phase. Umso tragischer ist, dass diese Ernte nicht mehr eingeholt werden kann.

Sylvia war eine standfeste Sozialdemokratin, und als solche durchaus kritisch gegen ihre eigene Partei. Nicht weniger kritisch war sie gegen politisch rechts gefärbte Geschichtsdarstellungen – und ging dagegen vor.  Jede Fehldarstellung, jede Ungenauigkeit, jede unterschwellige Botschaft wurde von ihr erkannt, zerlegt und bloßgestellt. Beinahe täglich stellte sie sich gegen Völkisches in Living-Historyforen. Auch wenn dabei die Fetzen flogen. Häufig stand sie dabei allein auf weiter Flur gegen den rechten Schwarm. Einschüchtern ließ sie sich aber nie. 2008 war sie beispielsweise tagelang an der Chronico-Debatte zum Ulfhednar-Exzess auf der Paderborner „Eine Welt in Bewegung“-Ausstellung beteiligt. Viele der besten Kombattantinnen und Kombattanten verließen damals aus Frust über die eigene Reenactmentszene das Hobby. Sylvia blieb. Nun ist auch sie weg.
Ohne Sylvia würde das deutsche Living History heute anders aussehen. Sicherlich nicht besser.

 

 

Wissenschaftlichen Publikationen (in Auswahl):

Bunte Tuche - gleißendes Metall. Frühe Kelten der Hallstattzeit. Katalog Keltenmuseum Heuneburg 2007 (Redaktion und Rekrutierung der Aufsätze zusammen mit Sabine Hagmann und Chris Wenzel).

Spannende Geschichte(n) – Frauen und Mode (Archäologiepark Belginum 2010).

Zurück zu unserem Cheruskerhof! Anschauliche „Kulturhöhe“ im Germanengehöft auf dem Barkhauser Berg, Oerlinghausen. Kleine Werke zur Archäologie 1 (Kerpen Loogh 2014).
Illusion als Rekonstruktion – Geschichtsillustrierende Textilarbeiten zwischen Bildersturm, Materialrekonstruktion und Schaubude. In: Experimentelle Archäologie in Deutschland. Bilanz in Europa 2013, 137-146.

Experimentelle Archäologie - Was für eine Frage? In: Experimentelle Archäologie in Deutschland. Bilanz in Europa 2013, 230-236.

Mit dem Webstuhl in die Vorzeit! Textilforschung und Rekonstruktion textiler Techniken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Ausblick auf die Folgen am Beispiel Brettchenweben. In: Experimentelle Archäologie in Europa 2014, 194-203.

Archäologie in Bilder kleiden? Kostüme als Rekonstruktionsversuch und Vermittlungsmedium in der Öffentlichkeitsarbeit. In: Archäologische Informationen 39, 2016, 19-30.

Wie weit ist es nach Afrika? Die „ungeschriebene Geschichte“ schriftloser Kulturen im Spiegel der Forschungsgeschichte am Beispiel der Rock Art zwischen Europa und dem südlichen Afrika. In: Blog des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen 2018.

„… Und schickt mir bitte eine Hose!“ Ein Stoffabdruck als mutmaßliche Hosenspur in der anschaulichen Umsetzung. In: Carl Pause (Hrsg.), Römer zum Anfassen. Mythos und Fakten. Ausstellungskatalog Clemens-Sels Museum Neuss 2018, 49-51.

 

 

Kommentare

24.08.2019 | Joze Noriker (Slowenien)

Es ist so traurig. War eben auf Urlaub und habe die Nachricht gar nicht mitbekommen, erst vor 2 Wochen und damals habe auch schon eueren Blog (diesen) im Netz gefunden. Die Sylvia habe mehrmals auf den Veranstaltungen getroffen, sie war sehr nett, aber ihre Vorlesungen sehr wissenschaftlich und detailiert informativ und immer mit ihrer eigener Bewertung dabei. Ihre Textilwerke sind wunderschön - habe einen ihren Hochdorf-Band, eine sehr nette Errinerung an Sie. RIP

22.08.2019 | Jörg Korte

Und trotz dieses immensen Wissens, ihres Bekanntheitsgrades.... konnte man mit ihr ganz normal reden und Spaß haben... so ganz auf Augenhöhe. Das vermisse ich und vergessen werde ich Sylvia nie. Heinz-Peter wünsche ich alle erdenkliche Kraft für den Verlust seiner Frau!

21.08.2019 | Heinz-Peter Crumbach

vielen Dank. Traurig H.-P.

21.08.2019 | Walter Thorvald Fasse

Wir werden sie vermissen. Die Wikifußballer und mehr

21.08.2019 | Andrej Pfeiffer-Perkuhn

Es gibt wenig Menschen, die mich auf meinem Lebensweg so sehr beeinflusst haben wie Sylvia, teil durch Vorbildfunktion z.B. für mein Studium an der Fernuni Hagen, aber auch durch Abgrenzung, so waren wir sehr unterschiedlicher Meinung über die Nutzung von Kostümen in der historischen Darstellung. Die Diskussionen mit ihr waren aber stets gleichzeitig ein Ansporn und Antrieb für mich. Besonders bitter ist Ihr Tod auch, weil sie eben erst am Anfang ihrere akademischen Arbeit stand. Ich werde Sie bitter vermissen.

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