Wie weit ist es nach Afrika? Die „ungeschriebene Geschichte“ schriftloser Kulturen im Spiegel der Forschungsgeschichte am Beispiel der rock art zwischen Europa und dem südlichen Afrika. (Teil 3 von 3)

Fortsetzung zu Teil 1 und Teil 2.

 

Das doppelte Archiv

Von Luschan sah die Erkenntnismöglichkeit in Bezug auf "Buschmänner und Buschmannskunst", wie andere Forscher seiner Zeit, doppelt bedroht. Zum einen durch die Zerstörung der Felsbilder und zum anderen durch "Volkstod". Durch das Verschwinden der letzten hunter/gatherer-Kulturen in Folge europäischer Einflussnahme, Zerstörung der Lebensräume und dem damit verbundenen Verschwinden der Tiere und Pflanzen. Das liegt mehr als 100 Jahre zurück. Die heutige Forschung arbeitet mit einem doppelten Archiv. Zum einen mit neuen Erkenntnissen ethnologischer und archäologischer Forschung, zum anderen mit den Artefakten in ethnographischen Sammlungen. Auch an Altfunde können neue Fragestellungen herangetragen werden. Die materielle Überlieferung stellt einen bedeutenden Teil des kulturellen Erbes dar. Oral History und lebendige Traditionen sind ebenfalls Teil des kulturellen Erbes schriftloser oder überwiegend schriftloser Kulturen. Die Bewahrung dieses Erbes ist in vielen Fällen an Landschaften und Naturgegebenheiten gebunden. Interessenkonflikte sind unvermeidbar. Dies gilt auch für die Nutzung und Zugänglichkeit prähistorischer Stätten, die nicht länger als "Eigentum" von wissenschaftlichen Interessen gesehen werden sollten, sondern als Bestandteil kultureller Identität. In Europa, um die Parallelen aufzuzeigen, sind Kirchen und Reliquienkomplexe als Bestandteil eines lebendigen Glaubens nur bedingt für die Forschung zugänglich und gelangen allenfalls bei konservatorischen Maßnahmen in wissenschaftliche Bearbeitung. Kritisch zu sehen sind hingegen konstruierte Identitäten, die aufgrund behaupteter, oft völkischer Deutung zuzurechnenden Vorstellungen heraus vorgeschichtliche Orte hegemonial beanspruchen (von schnurbein 2017, 21-22).

Das andere Archiv bildet die Wissenschaftsproduktion der vorhergegangenen Forschungsgenerationen. Der Aufarbeitung der Fachgeschichte hat sich die deutsche Forschung durch die Indienstnahme als Rechtfertigungswissenschaft, determiniert durch Fragestellungen und damit verbundenen Ergebnisaus- und Verwertung, in der NS-Zeit in besonderem Maße zu stellen. Wissensproduktion aus Dokumentation und Datenaufnahme erfolgte und erfolgt im Stil der Zeit. Keinem Medium kann der Anspruch auf Neutralität bestätigt werden, grundlegend für Nachnutzung und Verständnis ist jedoch die Benennung und Beachtung der Positionierung. Für verschwundene und beschädigte rock art sind frühe Aufzeichnungen jedoch die einzigen Quellen. Auch wenn Beobachtungen aus befremdeter und befremdlicher Perspektive erfolgten, sind viele der Berichte und Sammlungen jedoch die einzigen Zeugnisse für zerstörte Kulturen und für die Fähigkeiten und Errungenschaften der getöteten Menschen. "The last bushmen artist of the Malutis was shot in the Witteberg Native Reserve, (...)" (230) hielt Georg W. Stow in seiner 1905 erschienenen Veröffentlichung "The native Races of South Africa" fest. Ihm wurde zugetragen, dass der Mann einen Gürtel dabei hatte, an dem 10 kleine Horngefäße mit verschiedenen Farbzubereitungen befestigt waren. Das Artefakt ist verloren und nicht als Abbildung festgehalten. Stow schrieb weiter: "Thus perished the last of the painter tribes of Bushmen! Thus perished their chiefs and artists!" und schließt den Absatz mit "and did not end until the last surviving clans had been exterminated with the bullet and the assegai, and their bones were left to bleach amid the rugged precipices of the Malutis." (stow 1905, 230). Nach Rohrbacher schloss Stow aus den Ergebnissen systematischer Bilddokumentation und enger Zusammenarbeit mit einem einheimischen San-Gewährsmann auf die indigene Urheberschaft für die rock art (2017, 260). Von Luschan kam zwischen seinen Beobachtungen von 1908 und dem 1922 veröffentlichten Text unter Einfluss der Migrationstheorie von der Urheberschaft der Bushmänner/San für die rock art ab. Aber das war nicht sein einziges Argument, er führte an: "Und ebenso sind die Leistungen der heutigen Buschmänner, wenn man ihnen ein Blatt Papier und einige bunte Stifte in die Hand gibt, von einer geradezu erbärmlichen Minderwertigkeit, die einen Vergleich mit der ihren Voreltern zugeschriebenen Höhlenkunst durchaus ausschließt." (von Luschan 1922, 80-81). Um die Leistung eines ausgebildeten Künstlers zu beobachten, kam von Luschan zu spät, auf die Dokumentation und Publikation Stows hätte er jedoch zugreifen können. Und wiederum auf Europa bezogen: Wem von uns gelänge aus dem Stand ein Bison an der Wand einer dunklen Höhle oder eine Heidelandschaft im Stil der Worpsweder Schule. In beiden Fällen verbreitete „Gebrauchskunst" ihrer Zeit.

Opposition zum europäischen Bildungsbürger oder: "Abseitig" ist immer der andere?

Während in der Literatur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts Buschmen/San als Urheber der rock art im heutigen Namibia gesehen wurden, änderte sich in den ersten Jahrzehnten der Blick auf die sog. "Buschmannskunst". Die Zuerkennung der Urheberschaft von Bildwerken an mutmaßliche Vorfahren bedeutete keine Anerkennung der bestehenden Kulturen. Mit Aufkommen der Wanderungsnarrative und Verbreitung der Rassenlehre kam es jedoch zu völliger Aberkennung indigenen Kunstschaffens. Zeitlich parallel wurden für die ebenfalls schriftlosen prähistorischen Kulturen in Nordeuropa Wanderungsnarrative weitgehend als überholt betrachtet, negiert oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Die Texte zur Ausstellung "Weiße Dame - Roter Riese: Felsbilder aus Namibia" machen deutlich, dass in Afrika mit überwiegend schriftlosen Kulturen alle Einschränkungen archäologischer Forschung als men-made material reality (randsborg 1992, 1) gelten dürfen und sollen. Dunkle Geschichte in einem "Dunklen Kontinent".

Die Vorgeschichte für Europa dagegen scheint gesichert, oder gibt sich zumindest in Form von Verständigungsmetaphern diese erhöhende Selbstversicherung. An dieser Lesart ändert auch die ebenso plakative wie oberflächliche Negierung ethnischer Deutungen wenig. Denn sicher wollen sich einige Nordrheinwestfalen (und noch mehr Deutsche) als "Erben der Varusschlachtsieger" sehen, auch wenn diese Ableitung für Pager und die Adressaten der oben genannten Adressaten fast gleichnishaft für die Grenzen historischer Deutung steht (pager 1991, 15).

Neben der Ausleuchtung der Forschungsgeschichte als wissenschaftliches Forschungsprojekt kann als Anliegen der Autorin festgehalten werden, dass die rock art selbst Teil der schriftlosen Überlieferung Afrikas ist und als solche anzuerkennen bleibt. Zur Erschließung und Deutung tragen, neben der wissenschaftlichen Forschung, Vertretungen spiritueller und in Traditionen begründete Ansätze bei. Zudem wirken mehr als 100 Jahre Forschungsgeschichte und Schul(en)bildung nach, sowohl in der science community wie auch in der Öffentlichkeit(-sarbeit). Die sog. "Weiße Dame" kann, herausgelöst aus der Bildkomposition, der die Figur entlehnt ist, als "Klassiker der Forschungsgeschichte" (kinahan 1995, 9) gesehen werden, der Startschuss für die wissenschaftliche Beschäftigung mit rock art war sie/er jedoch nicht. Sie ist mit ihren Bedeutungszuweisungen bis heute mehr als ein inhaltsloses touristisches Emblem. Aktuelle politische Entwicklungen in Deutschland und Amerika zeigen, dass Vorstellungen weißer Überlegenheit nur in Sonntagsreden überholt genannt werden dürfen und/oder können. Abseitige, gern als pseudowissenschaftlich abgetane Bereiche wie die Atlantisforschung erleben über das Internet und weltweite Vernetzungen einen neuen Boom. Distanzierungen von überholten Paradigmen greifen zu kurz, wenn nicht mehr passiert, als auf ein nebulöses "früher glaubte man" zu verweisen. Damit sind in der Rückwärtsbetrachtung den Trägern der rock artEntwicklungsmöglichkeiten sowie Kreativität beschnitten. Die hunter/gatherer-Gesellschaften werden zu einer gleichförmig-ewiggleichen Metapher ausgeglichener Naturverbundenheit, propagiert von Dokumentationsprogrammen, die einer gleichzeitig heilen und sterbenden Welt hinterher trauern. Fast möchte man meinen, zwischen die Aufzeichnungen von Luschans zum drohenden „Volkstod der Buschmänner" aus dem Jahr 1908 und 2018 liegen nicht mehr als 100 Jahre Umweltveränderungen und Weltgeschehen. Ihren heutigen Repräsentanten sind dadurch Entwicklungsmöglichkeiten in der modernen Welt genommen.

Die Förderung von Forschungsprojekten bietet Arbeitsplätze für einheimische Wissenschaftler vor Ort, und nicht zuletzt spielen Bildung und Öffentlichkeitsarbeit eine große Rolle. Dies gilt vor allem für die Entlarvung populistischer Vorstellungen zur Kopplung von Fähigkeiten und Hautfarbe, die in pseudowissenschaftlichen Rassetheorien des ausgehenden 19. Jahrhunderts verhaftet sind (hama & ki-zerbo 1981, 56-57). Projekte mit enger Zusammenarbeit von Forschung und Menschen vor Ort wie dem !Khwa ttu San Cultur and Education Centre bieten Kontakt- und Schutzräume (sontberg 2017, 27). Unschätzbar wertvoll können auch Forschungsprojekte wie die Afrika-Forschung in Köln sein. Mit der Dokumentation der rock art, begleitenden Grabungen und über Stiftungen realisierte Ausbildungsförderungen ist ein Grundstock für eine Zusammenarbeit in Augenhöhe gegeben, die, in Anbetracht der Vergangenheit im 20. Jahrhundert, nicht nur gezwungenermaßen verbindet, sondern uns als Menschen verpflichtend in die Verantwortung nimmt.

 

Sylvia Crumbach, M.A.

 

Literaturangaben (zu allen 3 Teilen)

Literatur vor 1945

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Literatur nach 1945

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Author:

Sylvia Crumbach, M.A.

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