Antike Magie oder: Zaubern mit dem heiligen Hippolyt

Die Bedeutung von Magie und Wahrsagekunst in der Zeit der römischen Kaiser ist ausgesprochen vielschichtig. An dieser Stelle sollen nur ein paar wenige Schlagworte genannt werden. Wichtige Orakelstätten wie Delphi oder Didyma blieben bis in die Spätantike aktiv. Schadenszauber standen hingegen schon nach der ältesten römischen Rechtsquelle, dem Zwölftafelgesetz, unter Strafe. Wahrsager wurden unter verschiedenen Kaisern in die Verbannung geschickt. Auf der anderen Seite zeigen Zauberpapyri, die sich im Trockenklima Ägyptens erhalten haben, oder die vielerorts gefundenen Metallfolien mit Beschwörungen (defixiones) die Bedeutung der Magie für breite Bevölkerungsschichten. Im Roman „Metamorphosen“ bzw. „Der goldene Esel“ des antiken Schriftstellers Apuleius wird der Held gar durch die Zaubersalbe einer Hexe in ein solche Huftier verwandelt und hat allerlei Abenteuer zu bestehen, bis er seine menschliche Gestalt zurück erhält.

Richtiggehende magische Kniffe sind auch noch aus anderen antiken Quellen überliefert. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang Teile des vierten Buches aus der „Widerlegung aller Häresien (IV, 28-41)“, als deren Autor in Teilen der historischen Forschung der hl. Hippolyt von Rom angenommen worden ist. Insgesamt sind dort mehr als drei Dutzend solcher angeblichen Zauber aufgeführt und erläutert, von denen einige im Experiment tatsächlich funktionierten.

Von Hippolyt ist sehr wenig bekannt. Er ist wahrscheinlich im Jahr 235 n. Chr. in der Verbannung auf Sardinien gestorben. Vermutlich war er als strenger christlicher Theologe mit Calixtus I., dem liberaleren Bischof von Rom, in Streit geraten und hatte sich von seinen Anhängern als Gegenbischof wählen lassen. So führte er die erste Spaltung der frühen (katholischen) Kirche herbei. In der Verbannung söhnte er sich aber wohl mit dem Nachfolger des Calixtus aus – die Römischen Bischöfe werden erst später als Päpste bezeichnet – und kann daher auch heute noch als Heiliger verehrt werden. Ein im 16. Jahrhundert gefundenes Unterteil einer antiken Statue wurde als Bildnis des Heiligen interpretiert, doch auch dies ist keineswegs gesichert.

Von den Zaubereien selbst hält Hippolyt gar nichts. Sein Interesse liegt vielmehr darin, das trügerische Wesen der vorgeführten Effekte aufzudecken und mit dieser Aufklärung die Glaubwürdigkeit der heidnischen Magier zu erschüttern. Es handelt sich daher auch nicht um Gebrauchsanweisungen oder Rezepte, die zur unmittelbaren Anwendung oder gar Nachahmung gedacht waren. Die Beschreibungen enthalten beispielsweise keine Mengenangaben bei Zutaten und sind manchmal unvollständig. Auch bleibt der genauere Zweck des Zaubers oder dessen Verwendung innerhalb eines größeren Handlungsrahmens in einigen Fällen unklar. Es ist darüber hinaus nicht immer sicher, wie die Begriffe aus dem griechischen Original zu übersetzten sind. Diese Vorbemerkungen weisen schon darauf hin, dass – wie meistens bei Vorführungen in der experimentellen Archäologie – die hier ausgewählten Zauber nicht exakt deckungsgleich mit jenen in der Antike verlaufen. Dennoch ist es reizvoll, einige der Kunststücke im Experiment nachzuvollziehen. Auf der Basis der Vorgaben des historischen Textes sind plausible Resultate zu erzielen, die an dieser Stelle gezeigt werden sollen.

Unser Autor beschreibt ganz unterschiedliche magische Tricks. Es finden sich mehrere Rezepte für auch heute noch geläufige Geheimtinten, darunter etwa das Schreiben mit Harn, Milch oder Wolfsmilchsaft (Widerlegung aller Häresien IV, 28). In der Antike waren Geheimtinten für unterschiedliche Einsatzzwecke bereits zuvor bekannt. So rät der 17 n. Chr. gestorbene römische Dichter Ovid im dritten Buch seiner Liebeskunst (Ars Amatoria 627 f.) zu Milch zum Schreiben vertraulicher Nachrichten. Ovid empfiehlt die unsichtbaren Botschaften, um der Angebeteten ein unverdächtiges Liebesbrieflein zukommen lassen zu können. Anders als bei modernen Anleitungen, bei denen das Papier zur Entzifferung der Botschaft erhitzt wird, geben Ovid wie auch Hippolyt an, dass Ruß über den verborgenen Text aus Milch zu streuen ist. Im Experiment konnte die Flüssigkeit einige Stunden lang trocknen, auf dem Papyrusstreifen heften die Rußpartikel offenbar am zurückgebliebenen Milchfett an.

 

Ein etwas seltsames Produkt stellt Hippolyt im 29. Kapitel des IV. Buches vor (alle Übersetzungen aus der ‚Widerlegung aller Häresien‘ nach Preysing): „Verschiedenfarbige Eier erzielt man auf folgende Weise. Man durchbohrt die Schale oben und unten, nimmt das Weiße hinaus, färbt es mit Zinnober oder mit Schreibtinte und tut es wieder hinein, dann verschließt man die Löcher […].“ Bei dieser Methode wird nicht die Schale der Eier eingefärbt, sondern nur deren Inhalt. Die Überraschung erlebte das Publikum also erst in dem Augenblick, in dem sie geöffnet wurden. Ob die Eier dabei roh blieben oder hart gekocht wurden und wozu sie dienten, sagt der antike Autor leider nicht. Bei einem Experiment mit einem gekochten Ei vergrößert sich beim Erhitzen das Volumen des Eiweißes, etwas davon wurde herausgedrückt. Falls der Magier ein hartes Ei vorführte, musste er diesen Zuwachs vorher berücksichtigen oder aber die Löcher später noch einmal verkleben. Im Versuch hat das Eiweiß die Tinte ungleichmäßig aufgenommen, daher wirkt das Innere gescheckt.

 

Mit der Magie eng verbunden war die Wahrsagekunst. Wenn Sie heute an antike Methoden zur Weissagung denken, fallen Ihnen vielleicht die Leberorakel ein. Die Eingeweideschau war in verschiedenen Kulturen des Mittelmeerraumes verbreitet. Veränderungen an der Leber des Opfertiers sollten nach dieser Glaubensvorstellung interpretierbar sein und so Schlüsse über den Willen der Götter oder auch zukünftige Ereignisse ermöglichen. Es gab sogar Modelle wie die aus etruskischer Zeit stammende Bronzeleber von Piacenza (Italien), die vielleicht zum Erlernen des Deutens dienten. Meist waren es wohl anatomische Details wie ungewöhnliche Verfärbungen oder mehr oder weniger ausgeprägte Vertiefungen und Veränderungen, an denen solche Bewertungen vorgenommen wurden. Allerdings war das Zutrauen zur Aussagekraft der Eingeweide von Opfertieren nicht bei allen Menschen gleich, so ironisiert der römische Politiker und Schriftsteller Marcus Tullius Cicero in seinem Werk „Über die Wahrsagung“ (De diviniatione 2,14,34, Übersetzung nach Schäublin) mit Blick auf Orakel, wenn diese einen Erfolg in Geschäftsdingen voraussagen sollen: „Zeigt sich deswegen aber auch ein Gewinn an, weil die Leber einen Einschnitt von einer gewissen Art aufweist? Welche Einheit der Natur, welcher Einklang […] kann bewirken, dass ein Einschnitt in der Leber zusammen mit meinem lächerlichen Gewinn einhergeht […]?“

Hippolyt gibt sogar eine Anleitung wieder, mit deren Hilfe sich die Wahrsager derartige Interpretation ersparen und ein konkretes Ergebnis im Klartext vorlegen konnten (Widerlegung aller Häresien IV, 40, Übersetzung nach Preysing): „Sie lassen auch eine scheinbar mit einer Inschrift versehene Leber sehen. In die linke Hand schreibt der Magier etwas Beliebiges, der Frage Entsprechendes; die Buchstaben sind mit Galle (von Galläpfeln, Anm. Verf.) und scharfem Essig geschrieben; dann nimmt er die Leber und lässt sie eine Zeitlang in der linken Hand ruhen; diese zieht die Schrift an, und man glaubt, sie sei beschrieben.“ Galläpfel entstehen, wenn eine Gallwespe ihr Ei in einem Eichenblatt oder -stiel ablegt. Die Galläpfel enthalten Tannin und Gallussäure, sie wurden als Gerbstoff oder auch zur Herstellung von Tinte genutzt. Für das Experiment wurden getrocknete und zerstoßene Exemplare über mehrere Tage in Essig eingelegt, um ihre Inhaltsstoffe zu lösen. Bei direktem Auftrag der Mischung auf die Leber ist die Schrift sofort schwach sichtbar, nach etwa einer Minute setzt sie sich deutlich hell ab. Hier haben wir nur den Buchstaben V als Abkürzung verwendet, dieser könnte im Orakel etwa für „Victoria“ (Sieg) oder „Vale“ (Leb wohl) stehen. Wird nach der Vorgabe des Textes in die Hand geschrieben, sollte die Flüssigkeit sehr fein, etwa mit einem dünnen Pinsel aufgetragen werden, da sie sonst zu stark verläuft.

Wie Hippolyt schreibt, lieferte das Leberorakel hier verständliche Antworten auf eine vorher gestellte Frage. Im Weissagungsgeschäft war die gekonnte und verblüffende Manipulation von Informationen und Informationsträgern ausgesprochen wichtig für den Erfolg. Wahrsagerei und Trickeffekte sind auch bei dem im 2. Jahrhundert n. Chr. wirkenden Scharlatan Alexander von Abonuteichos (vgl. den Blog vom Januar, Fakes und fauler Zauber) eng miteinander verbunden gewesen. Alexander kannte beispielsweise eine auch bei Hippolyt beschriebene Methode, unerkannt durch ein Rohr (beispielsweise aus der Luftröhre von Kranichen, Widerlegung aller Häresien IV, 28) zu sprechen und so dem Publikum oder einem Helfer etwas „einzuflüstern“. Hippolyt beschreibt sogar einen etwas schaurigen Effekt, bei dem ein mit einem Wachsanteil gefertigter künstlicher Schädel auf diese Weise zum Reden gebracht wurde. Anschließend konnte der Magier unter dem Vorwand eines Rauchopfers glühende Kohlen an den Totenkopf bringen, der daraufhin schmolz und sich für das Publikum damit auf geheimnisvolle Weise auflöste (Widerlegung aller Häresien IV, 41).

Einige weitere bei Hippolyt geschilderte Tricks scheinen insofern durchaus realistisch, als dass sie modernen Bühneneffekten nahe kommen (Widerlegung aller Häresien IV, 32): „Donner kann man auf mehrfache Weise erzeugen. Nämlich: Eine Anzahl ziemlich großer Steine lässt man über einen abschüssigen Bretterboden herabfallen und auf getriebenes Erz (also ein Metallblech) fallen. Sie machen dann ein donnerähnliches Getöse. Auch umwindet man ein dünnes Brett […] mit einem dünnen Strick […] und lässt das Brett herumwirbeln, dies gibt beim Umdrehen einen donnerähnlichen Schall.“ Die Wirksamkeit der ersten Methode leuchtet vermutlich unmittelbar ein. Ein zur Geräuscherzeugung an einer Schnur herumzuwirbelnder Stab wird in der Archäologie als Schwirrholz bezeichnet, solche Instrumente sind schon seit der Vorgeschichte bekannt. Im Englischen tragen diese Musikinstrumente den vielsagenden Namen „Bullroarer“.

Zu den optischen Illusionen gehörte es, in einem dunklen Raum den Mond (und die Sterne) zu zeigen. Dazu konnte beispielsweise eine Lichtquelle in eine verhüllte Trommel gestellt werden, in einem geeigneten Moment nahm ein Gehilfe die Hülle weg und durch das Fell der Trommel wurde der schwache Schein des „Mondes“ sichtbar. Für eine andere Vorführung sollte bei einer Flasche Hals und Boden abgeschnitten werden, sodass eine Röhre entstand. Mit einer darin stehenden Lampe ließ sich ein gerichteter Lichtstrahl erzeugen, der mit Hilfe eines drehbaren Spiegels auf eine Wand projiziert werden konnte und so eine Bewegung des Nachtgestirns simulierte.

Um dem Publikum eine Götterversammlung vorzuführen, war eine ziemlich aufwändige Konstruktion vonnöten. Dabei steht ein Wasserbecken aus Stein in der Mitte eines speziell vorbereiteten Raumes (Widerlegung aller Häresien IV, 35): „Der Estrich hat aber eine geheime Öffnung und das darauf stehende steinerne Becken einen gläsernen Boden; darunter ist ein geheimes Gemach. Hier ist das Stelldichein der Mitspieler; sie maskieren sich als Götter und Dämonen, die der Zauberer vorführen will, und zeigen sich so. Wenn der Genasführte sie sieht, dann staunt er den Magiertrug an und glaubt auf das hin alles, was sie sagen.“ In heutiger Zeit, in der künstliche Bilder im Alltag überall gegenwärtig sind und zur Manipulation eingesetzt werden, erscheinen diese Effekte vielleicht nicht mehr besonders spektakulär. Für die damaligen Zuschauer können sie aber durchaus verblüffend gewesen sein. Insbesondere mag dies für ein Publikum gegolten haben, das schon wundergläubig in die Vorstellung hineingegangen war und sich dort dann bestätigt sah.

Die Chemie ist als exakte Naturwissenschaft erst in der Neuzeit entstanden, praktische Anwendungen sind aber natürlich schon viel länger bekannt gewesen. Die Beobachtung von bekannten chemischen Reaktionen hat offenbar in einigen Fällen zur Entwicklung der magischen Tricks geführt. In mehreren Zaubern spielt Alaun als Zutat eine Rolle, welcher in der Antike beispielsweise als Hilfsmittel beim Färben und als Zutat für Arzneimittel benutzt und sogar in Amphoren weit verhandelt worden ist. Der römische Schriftsteller Aulus Gellius, der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte, überliefert in seinem Werk „Die Attischen Nächte“ eine weitere Nutzungsmöglichkeit als Flammschutzmittel (15,1,6-7, Übersetzung nach Weiss): „Als L. Sulla Piräus belagerte (also 87/86 v. Chr., Anm. Verf.) und dagegen Archelaos, der General des Königs Mithridates […] zu Verteidigungszwecken einen hölzernen Turm hatte erbauen lassen, soll man durchaus nicht in der Lage gewesen sein, diesen Holzturm abzubrennen […], weil er mit Alaun überstrichen worden war. […].“ Nach Ammianus Marcellinus (20, 11,13) wurde Alaun noch im 4. Jahrhundert n. Chr. benutzt, um römische Belagerungsmaschinen vor Brandgeschossen zu schützen. In den Kristallen des Minerals Alaun ist Wasser chemisch eingebunden. Dieses so genannte Kristallwasser wird bei 92° Celsius in die Umgebung freigesetzt. Deshalb wurde das Holz beim Erhitzen angefeuchtet und sollte daher schwerer anbrennen.

Hippolyt gibt an, dass Magier mit Hilfe von Alaun ein unbrennbares Tuch herstellen und zeigen konnten, welches u. a. mit Eiweiß und Alaunlösung eingerieben wurde (Widerlegung aller Häresien IV, 32-33). Im Versuch ist ein Streifen Baumwollstoff mit Alaun imprägniert, die nicht behandelte Gegenprobe stammt vom gleichen Stück Tuch. Werden beide gleichzeitig der Flamme ausgesetzt, entzündet sich die vorbehandelte Textilprobe später, die Flamme breitet sich mit geringerer Geschwindigkeit aus. Dennoch verhinderte das austretende Kristallwasser die Entzündung nicht vollständig. Wollte der Magier ein unbrennbares Tuch vorzeigen, kam es daher wohl zusätzlich noch auf die Erfahrung an. Der Stoff durfte nach dem hier gezeigten Experiment, das aus Sicherheitsgründen im Freien stattfand, nicht zu lange dem Feuer ausgesetzt werden. Daraus lässt sich auch lernen, dass Alaun einen modernen Brandschutz keinesfalls ersetzen kann!

 

Manche der unter dem Namen Hippolyts überlieferten Tricks sind heute nur noch bedingt oder gar nicht zur Nachahmung empfohlen. Bei den Zaubereien mit Feuer möchten wir noch einen weiteren Versuch vorstellen, der sich unter Einhaltung der nötigen Sicherheitsmaßnahmen in reduzierter Form durchführen lässt. Ursprünglich geht es darum, eine Pyramide aus Stein in Brand zu setzen. Die Erklärung ist nachvollziehbar (Widerlegung aller Häresien IV, 33): „Dass die Pyramide wie eine Fackel brennt, obwohl sie aus Stein ist, hat folgende Ursache. Sie ist aus Kreide in Pyramidenform geschnitten […] und wird in folgender Weise präpariert. Der Magier durchtränkt den Klumpen reichlich mit Öl […] und macht ihn so brennbar.“ Mit einem Stück von mit Olivenöl vollgesogener Tafelkreide lässt sich dieser Effekt ebenfalls erzielen, vorsichtshalber heute im Freien.

Ein weiteres Experiment mit einem sich selbst entzündenden Feuer haben wir nicht selbst gemacht. Es wäre nur unter gesicherten Laborbedingungen durchführbar, außerdem sind Hippolyts Angaben offenbar nicht vollständig (Widerlegung aller Häresien IV, 33): „Der Opferherd entzündet sich aber von selbst, wenn der Magier opfert: es liegt statt der Asche gelöschter Kalk und viel zerkleinerter Weihrauch darauf.“ Versuche in der Richtung hat beispielsweise der Naturwissenschaftler Ferdinand Nibler unternommen. Dieser ging allerdings von späteren, mittelalterlichen Überlieferungen zu sich selbst entzündenden Kriegsfeuern aus. Er stellte fest, dass solche Brandsätze, die nach den Beschreibungen etwa bei einer Befeuchtung durch Regen zünden sollten, kaum funktionieren konnten. Eine geglückte Selbstentzündung ergab sich dagegen bei einem „Großversuch“ auf einem Blech mit 2,5 kg Branntkalk sowie einem Kilo Schwefel (und Petroleum als Brandbeschleuniger). Beim Ablöschen des Kalks mit Wasser kommt es zu einer stark exothermen, also Wärme erzeugenden Reaktion. Dabei entsteht genug Hitze, um den Schwefel zu entzünden. Diese Versuchsanordnung hat durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von Hippolyt beschriebenen Altar, auf dem als Asche getarnter Kalk sowie Harz zum Räuchern liegen. Das vorgebliche Trankopfer des Magiers liefert das Wasser, welches für die Reaktion nötig ist. Vielleicht war noch ein Stoff mit niedrigem Flammpunkt wie Schwefel vorhanden, der sich bei etwa 250° selbst entzündet und so für das genannte Feuer sorgen könnte. Einen solchen Zusatzstoff erwähnt der antike Verfasser aber nicht. Es hat dennoch einen gewissen Reiz darüber zu spekulieren, ob es echte Vorführungen wie jene mit einem sich selbst entzündenden Altar gegeben hat, welche die Phantasie soweit angeregt haben, dass spätere Generationen noch über autoentzündliche Kriegsfeuer nachdachten.

Ganz und gar unmöglich ist es, in heutiger Zeit eine feurige Erscheinung der Göttin Hekate nach der gegebenen Beschreibung vorzuführen (Widerlegung aller Häresien IV, 35-36): „Die Erscheinung Hekates im Feuer, wie sie durch die Luft eilt, erzielt er so: er verbirgt einen Mitspieler an einem beliebigen Ort, nimmt diejenigen, die sich täuschen lassen, mit sich und redet auf sie ein, er wolle ihnen die Göttin zeigen, wie sie im Feuer durch die Luft reitet. Er befiehlt ihnen, ihre Augen sofort zu schützen, wenn sie in der Luft Feuer sehen, das Gesicht zu verhüllen und niederzufallen […]. Nachdem er [ … (eine längere Anrufung, Verf.)] gesprochen hat, sieht man Feuer durch die Luft hinfahren; voll Schauder beim unerwarteten Anblick bedecken die Anwesenden ihre Augen und werfen sich stumm zu Boden. Das große Kunststück verläuft aber folgendermaßen: Sobald der versteckte Mitspieler, von dem ich sprach, hört, dass die Beschwörung zu Ende ist, lässt er einen mit Werg umwickelten Habicht oder Geier, den er bei sich hat, los, nachdem er ihn in Brand gesetzt hat. Der Vogel, den das Feuer rasend macht, hebt sich in die Höhe und schießt dahin. Die unverständigen Zuschauer verbergen sich, als ob sie etwas Göttliches geschaut hätten. Der vom Feuer herumgejagte Vogel lässt sich am nächsten besten Ort nieder und steckt Häuser und Höfe in Brand. Das ist die Zauberei der Magier.“

 

Fotos: Raymund Gottschalk und Sonja Ackermann

 

Verwendete Ausgaben

Des heiligen Hippolytus von Rom Widerlegung aller Häresien. Übers. von K. Preysing. Bibliothek der Kirchenväter II, 40 (München 1922).

Griechisch-englische Ausgabe: Refutation of All Heresies. Hrsg. u. übers. von M. D. Litwa. Writings from the Greco-Roman World 40 (Atlanta 2016). Zusammenfassend kritisch zur Autorenschaft Hippolyts am Text im Vorwort XXXII-XL.

 

Weitere genannte antike Quellen

Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Hrsg. und übers. von W. Seyfarth (Darmstadt 1968).

Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Hrsg. u. übers. von R. Helm (Berlin 1956).

Aulus Gellius, Die Attischen Nächte. Übers. von F. Weiss. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1876 (Darmstadt 1987).

Publius Ovidius Naso, Die Liebeskunst. Hrsg. u. Übers. von F. Lenz. (Berlin 1972).

Marcus Tullius Cicero, Über die Wahrsagung. Hrsg., übers. u. erläutert v. Ch. Schäublin (München 1991).

 

Zum erwähnten Experiment mit selbstentzündlichen Feuern: F. Nibler, Experimente zum chemischen Anzünder mittelalterlicher Kriegsfeuer auf Kalziumoxidbasis. Zeitschrift Technikgeschichte 74, 2007, 69 ff. (online abgerufen am 24.6.2019):

http://www.ruhr-uni-bochum.de/technikhist/tittmann/3%20Anzuender.pdf

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Dr. Raymund Gottschalk

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