Zum Essen kommt: ein Skelett

Zum guten Essen gehört im Idealfall auch eine gute Unterhaltung. Das war auch in der Antike nicht anders als heute. Wer seinen Gästen etwas ganz Besonderes bieten wollte, sorgte für außergewöhnliche Speisen und Getränke und für ein angenehmes Programm gegen Langeweile. Selbst die Verzierungen des Geschirrs und des Speiseraums konnten Anregungen für Gespräche bieten. Zum Anlass der Jahreszeit soll in diesem kurzen Blog ein etwas morbides Thema vorgestellt werden, denn einige Gastgeber ließen in römischer Zeit Skelette bei der Mahlzeit auftreten. Doch keine Sorge, originale Gebeine waren es nicht. Ob Sie sich so zur Tischunterhaltung anregen lassen möchten, wie es die Teilnehmer eines römischen Gastmahls konnten, mögen Sie nach der Lektüre dann selbst entscheiden.

Ein wohlhabender Gutsbesitzer verbarg im heutigen Ort Boscoreale nahe Pompeji beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 mehr als 30 kg Gold und Silber. Am Ende des 19. Jahrhunderts in der Zisterne der antiken Villa wiederentdeckt und außer Landes gebracht, befindet sich der Schatz heute zum Großteil im Louvre in Paris. Hier möchte ich zunächst zwei Silberbecher aus diesem Fund zeigen, auf denen sich eine ganze Reihe von Gerippen unter Blumengirlanden tummeln (Abb. 1). Solche Girlanden dienten auf Banketten als Dekoration. Die eingepunzten Beischriften verraten, dass sich hier berühmte griechische Philosophen und Dichter eingefunden geben.

 

Zu den Figuren auf dem einen Becher gehören Sophokles, dessen Tragödien wie „Antigone“ auch heute noch gespielt werden, der Dramatiker Moschion, dessen Werk weitgegend verloren ist sowie die Begründer zweier konkurrierender Philosophenschulen. Zenon von Krition gründete die Stoa; von Epikur haben die Epikuräer ihren Namen abgeleitet. Selbst die Schicksalsgöttin Klotho, die den Menschen den Lebensfaden spinnt, ist als Gerippe vertreten. Unter den Skeletten des zweiten Bechers befinden sich Komödiendichter Menandros, der Lyriker Archilochos, der Dramatiker Euripides und der kynische Philosoph Monimos.

Insgesamt handelt es sich also um eine bunte Mischung. Die Einsatzmöglichkeiten dieser Becher – abgesehen vom Trinken – sind vielfältig. Die Teilnehmer eines vornehmen Essens oder Trinkgelages konnten sich gelehrt oder auch nur in angenehmer Plauderei über die Personen, Werke und Denkrichtungen eines oder mehrerer der Dargestellten äußern. Vielleicht war sogar es sogar ein gewisser ironischer Unterton beabsichtigt. Schließlich blieb als unübersehbarer Hintergrund, dass all die berühmten Protagonisten bereits verstorben waren, während die Teilnehmer der Veranstaltung sich ihres Lebens freuen konnten und sollten.

Skelette finden sich noch mehrfach auf Tafelgeschirr. Auf einem Tonbecher, der sich heute in der Antikensammlung Berlin befindet, steht ein Skelett bei einer Amphore und Schöpfgeräten für ein Bankett (Abb. 2). Auf seiner anderen Seite hängt ein bei Festmählern gereichter Kranz, unten liegt ein Schinken. Die griechische Inschrift am Kopf lautet „Erwirb und nutze“. Bei diesem Trinkgefäß ist nicht nur das Material preiswerter als bei den Stücken aus Boscoreale. Die Verzierungen wurden in Formen gepresst, es lassen sich daher größere Stückzahlen mit verhältnismäßig geringem Aufwand herstellen. Die Kundschaft, die der geschriebenen Aufforderung nachkam, musste sich nicht mit einer konkreten Geistesgröße auskennen und auseinandersetzen. Als Anregung für ein Gespräch über den Sinn und Vorteil des aktuell noch möglichen Genusses von Speise und Trank eignete sich der Becher aber sehr gut. 

Ein erst im Jahr 2013 in Antiochia gefundenes spätantikes Mosaik setzt das Spannungsverhältnis zwischen den zur Lebenszeit zu erwerbenden Annehmlichkeiten und dem Tod interessant ins Bild. Das ursprünglich wohl zu einem Speisesaal gehörende Bodenmosaik zeigt drei verschiedene Szenen, von denen nur zwei gut erhalten sind. Auf einem davon (Abb. 3) eilt ein junger Mann in Toga in Richtung auf ein Podest, auf dem eine sichelförmige Sonnenuhr steht. Mit einer Hand zeigt er auf die Uhr, mit der anderen sichert er sein Gewand vor dem Verrutschen. Ein zweiter, älterer Mann mit Bart und Halbglatze am Bildrand hält sich an der Kleidung des ersten fest; durch seine knielange Tunika ist er als Sklave gekennzeichnet. Die griechischen Beischriften lauten „Trechedipnos“ und „Akairos“, also übersetzt: „Eile zum Mahl“ und „Spät dran“. Die Wahrheit dessen erschließt sich auf den zweiten Blick, denn der Läufer hat in seiner Hast schon eine Sandale verloren.

Im Kontrast zu den heraneilenden Männern ist das Skelett auf dem anderen erhaltenen Bildfeld schon beim Bankett angekommen und hat sich bequem gelagert (Abb. 4). Ein Bein ist angezogen, ein Arm über den Kopf erhoben. In der linken Hand hält es eine Trinkschale. Ein lebender Zecher konnte in dieser Position den anderen Gästen zuprosten oder ihnen die Schale zum gemeinsamen Trinken weiter reichen (Vgl. Blog „Einen zur Brust nehmen“). Auch für Nachschub ist gesorgt, denn am Rand links steht eine Amphore auf einem Ständer. Zwei Brote liegen ebenfalls bereit. Die zweigeteilte Inschrift „Euphrosinos“ bedeutet soviel wie „Genieße es“. Der Flüchtigkeit der Zeit und des eilenden, gierigen Lebens in dem einen Bildfeld steht hier die Ruhe des feiernden Skeletts gegenüber, das zum geselligen Vergnügen auffordert.

Eine hübsche Doppeldeutigkeit ergibt sich daraus, dass die Beischriften des Mittelbildes im Zusammenhang einer griechischen Komödie auch als sprechende Namen verstanden werden können. Gastmähler in reichen Häusern waren keine geschlossenen Gesellschaften, sondern es war üblich, dass Freunde oder Bekannte auch ohne Einladung dazukommen konnten. Allerdings wurden Gäste, die allzu oft und gerne ungebeten erschienen, wenig schmeichelhaft als Parasiten bezeichnet. Der junge Trechedipnos kann ein Parasit sein, weil sein Name sagt, dass er zum Essen läuft, also immer gerne zu einem Festmahl kommt. Dabei wird er von seinem stets zur Unzeit kommenden Diener Akairos begleitet. Es spricht vielleicht für einen spöttischen Humor des Hausbesitzers, ungeladene oder verspätete Gäste im Speisesaal sowohl mit einer solchen Szene begrüßen zu können, wie im Anschluss gleich auch mit dem zum Genuss auffordernden Gerippe.

Nicht als Gast, sondern als Diener tritt ein Skelett in Erscheinung, das im Speisesaal eines Hauses in Pompeji gefunden wurde (Abb. 5). Es hält in beiden Händen eine bauchige Kanne mit einem beutelförmigen, geschwungenen Körper. Derartige Schankgefäße, die beim Tragen schräg gehalten werden, sind auch aus archäologischen Funden bekannt (Abb. 6). Wer das entsprechende Haus besuchte, wurde ebenfalls mit einem leicht angenehmen Schauder daran erinnert, dass es sich lohnt, zu Lebzeiten noch den Wein und den Tag zu genießen.

Aus der Antike sind über 100 Darstellungen und Plastiken von Skeletten oder auch Schädeln bekannt, die aus unterschiedlichen Funktionszusammenhängen stammen. Ich möchte hier bei der Tischkultur bleiben und ihnen zum Schluss noch eine Gruppe kleiner, plastisch gearbeiteter Gerippe vorstellen. Ein 11 cm hohes Bronzeexemplar, das als Beispiel gezeigt wird, befindet sich heute im Londoner Science Museum. Die Gliedmaßen sind mit Scharnieren versehen und beweglich (Abb. 7).

Die Verwendungsmöglichkeit eines solchen Skeletts bei der Tafel ist in einem bekannten satirischen Roman aus der Antike geschildert, dem Satyricon von Petron. Ein berühmter Abschnitt daraus ist das „Gastmahl des Trimalchio“. Dieser Trimalchio, ein Freigelassener, hat als Liebling seines ehemaligen Besitzers ein ungeheures Vermögen geerbt und dieses noch vermehrt. Doch fehlt es ihm an Bildung und Kultur. Dies muss in der Satire besonders überspitzt herausgestellt werden. In der entsprechenden Stelle (Petron, Satyricon 34) lässt Trimalchio seinen Gästen zunächst einen hundert Jahre alten Wein servieren, einen kostbaren Falerner. Dies kommentiert er mit der Bemerkung „Ach, so lebt der Wein länger als der Mensch.“ Nach dem Trunk bringt ein Sklave ein silbernes Skelett, dessen Glieder und Wirbel sich nach allen Seiten bewegen ließen. Dies entspricht bis auf das Material im Wesentlichen dem abgebildeten Exemplar. Trimalchio lässt das Gebilde einige Male auf den Tisch fallen, wodurch sich jeweils unterschiedliche Figuren ergeben. Dazu trägt er ein selbstgemachtes Gedicht vor (Übersetzung nach Hoffmann): „Ach wir Armen, ach! Das ganze Menschlein ist ein reines Nichts. So ein Gerippe werden wir einst alle sein, sobald der finstre Orkus uns verschlingt. Drum lasset uns das Leben froh genießen, solange es das Schicksal uns vergönnt.“ Diese Vorstellung greift zwar Grundmotive einer idealen Lebensführung nach der epikuräischen Philosophie auf, lässt aber statt einer tieferen Durchdringung ein eher schlichtes Gemüt erkennen. Im lateinischen Original des Gedichts stehen übrigens zwei Hexameter und ein Pentameter zusammen, was nicht der literarischen Form entspricht und damit auch die mangelnde Bildung und das fehlende Sprachgefühl des Gastgebers betont. Die antiken Leser haben die Stelle sicher deshalb verstanden, weil Petron in seinem Roman satirisch verzerrt eine reale Tischsitte aufgreift. Die Teilnehmer der Mahlzeit konnten beim Herumreichen solcher Skelette ebenfalls ihre Gedanken und Reime aus dem Stegreif vortragen und so mit ihrem dichterischen Geschick und mit ihren intellektuellen Fähigkeiten glänzen.

 

 

 

Autor: Dr. Raymund Gottschalk

 

 

 

Im Text genannte antike Quelle

C. Hoffmann (Hrsg. und übers.), Petronius Satiricon (Stuttgart 1948).

 

Literaturauswahl

K. Dunbabin, SIC ERIMUS CUNCTI … The Skeleton in Graeco-Roman Art. Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 101, 1986, S. 185-255.

 

K. Dunbabin, The Roman Banquet (Cambridge 2003) bes. S. 132-140.

 

H. Pamir / N. Szegin, The Sundial and Convivium Scene on the Mosaic from the Rescue Excavation in a Late Antique House in Antioch. Adalya 19, 216, S. 251-280.

 

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1)  Bildnachweis Wikipedia, Autor: Fae/Wellcome Images https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Copy_of_silver_Roman_cup_Wellcome_L0058245.jpg?uselang=de

 

Abbildung 2) Bildrechte: Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Foto Johannes Laurentius 

smb.museum-digital.de/index.php  

 

Abbildung 3) Bildnachweis Wikipedia, Autor: Dossemann

commons.wikimedia.org/wiki/Category:Mosaics_in_Antakya_Archaeological_Museum;

 

Abbildung 4) Bildnachweis Wikipedia, Autor: Dossemann

commons.wikimedia.org/wiki/File:Antakya_Archaeology_Museum_Skeleton_mosaic_sept_2019_5915.jpg

 

Abbildung 5) Bildnachweis Wikipedia, Autor: Jastrow

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Carpe_Diem,_mosaic_(from_Pompeii)?uselang=de#/media/File:Carpe_Diem_MAN_Napoli_Inv9978.jpg

 

Abbildung 6) Bildnachweis: William Henry Goodyear (Historische Fotographie) – Wikipedia, Autor: Theartofthemuses

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Ancient_Roman_bronzes_in_the_Pompeian_Collection_(Naples)?uselang=de#/media/File:S03_06_01_024_image_3132.jpg

 

Abbildung 7) collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co90020/memento-mori-roman-199-bce-500-ce-memento-mori

Bildrechte: © The Board of Trustees of the Science Museum

 

 

 

 

 

Author:

Dr. Raymund Gottschalk

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