Wulfilaich friert

Wer war wohl Wulfilaich? Keine Sorge, viele historisch Interessierte haben noch nie von Wulfilaich gehört – obwohl: Es lohnt sich. Wulfilaich lebte im frühen Mittelalter, im 6. Jahrhundert, und wollte gern ein Säulenheiliger werden. Dazu eiferte er großen Vorbildern nach. Der erste von ihnen, der hl. Symeon Stylites der Ältere, war gewissermaßen ihrer aller Prototyp (vgl. Blog Symeon auf der Säule https://blog.afm-oerlinghausen.de/symion-saeulenheiliger.html). Symeon wurde um 390 geboren und hat in Syrien gelebt. Er hatte religiöse Visionen und wirkte angeblich zahlreiche Wunder. Ein Säulenheiliger gleichen Namens, Symeon der Jüngere von Antiochien, war ein Zeitgenosse von Wulfilaich. Diese beiden Heiligen aus dem Osten des römischen Reiches haben Jahrzehnte unter äußersten Entbehrungen auf engstem Raum in luftiger Höhe gelebt und sind damit seinerzeit außerordentlich bekannt geworden (Abb. 1).

Wulfilaich konnte sich also vorstellen, was ein Stylit (von stylos, Säule) tut und bewirkt, als er seine Karriere plante. So wurde er der einzige bekannte Säulenheilige im westlichen Teil des (ehemaligen) römischen Reiches nördlich der Alpen. Fast alles, was wir über ihn wissen, stammt aus der Feder des fränkischen Bischofs und Schriftstellers Gregor von Tours (geboren 538 – gestorben 594). Im Jahr 585 reiste Gregor von Koblenz nach Tours und hat dabei Wulfilaich in dessen später nach ihm benannten Kloster St. Walfroy (heute bei Margut, Gemeinde Lamouilly, Dép. Meuse/F) getroffen und mit ihm gesprochen (Abb. 2). Der Ort lag damals ganz im Westen des Bistums Trier, im fränkischen Reich. Gregor hat seine Kenntnisse also unmittelbar vom Hauptakteur. Symeon Stylites hatte seine Vertrauten zum Schweigen über einige seiner Visionen aufgefordert, und auch Gregor musste dem Wulfilaich versprechen, nicht über manche Teile von dessen Geschichte zu sprechen. Freilich war es für alle Beteiligten, sowohl die Heiligen wie auch ihre Chronisten, wichtig, dass die Ereignisse und Einschätzungen letztlich doch publik werden würden.

Das entsprechende Kapitel (Fränkische Geschichte VIII,15) trägt den Titel „Von der Bekehrung des Diakons Wulfilaich“, ein Hinweis darauf, dass der gebürtige Langobarde zunächst der arianischen Strömung des Christentums anhing und sich erst später dem katholischen Glauben zuwandte. Als Diakon bekleidete Wulfilaich ein geistliches Amt. Er konnte lesen und schreiben, nahm Unterricht bei dem Abt Aredius von Limoges und pilgerte mit diesem zum Grab des Heiligen Martin von Tours. Im Anschluss begab er sich an den Ort seines späteren Wirkens auf einen Berg. Wulfilaich wollte dort missionieren, denn Teile der Bevölkerung verehrten noch eine Göttin, die der Diana gleichgesetzt wurde und ein großes Kultbild besaß. Anschaulich berichtet er, wie er durch die Lebensweise eines Säulenheiligen Eindruck auf die Menschen machen und dadurch Einfluss gewinnen wollte (Fränkische Geschichte VIII,15): „Ich errichtete mir auch eine Säule, auf der ich unter großen Schmerzen ohne alle Fußbekleidung stand. Wenn dann die Winterszeit kam, litt ich bei der eisigen Kälte dergestalt, dass mir von dem heftigen Frost öfters die Nägel von den Füßen abgingen und in meinem Bart das gefrorene Wasser wie Zapfen herunterhing.“

Offenbar strebte Wulfilaich eine vergleichbare Lebensführung wie Symeon an, freilich mit dem Unterschied, dass die Winter in den Ardennen deutlich strenger ausfielen als in Nordsyrien (Abb. 3). Als Chronist fragte Gregor konkret nach weiteren Parallelen der Askese beim Essen und Trinken, wobei sich Wulfilaich auf der Säule nach eigenen Worten nur von wenig Kohl, Brot und Wasser ernährte. Ein weiterer Vergleichspunkt war die Missionsarbeit, bei der der ältere Symeon sehr erfolgreich gewesen ist. So hatte Symeon Stylites zahlreiche Mitglieder eines orientalischen Stammes zum Christentum bekehrt, die daraufhin ihre alten Götterbilder zerstörten und auch von möglicherweise orgiastischen Kultpraktiken abließen (Theodoret, Mönchsgeschichte 26).

Wulfilaich hatte dieses Anliegen ebenfalls, seine Erzählung (Fränkische Geschichte VIII,15) erinnert etwas an die oben vorgestellte Bekehrung durch Symeon: „Als aber die Menge aus den umliegenden Höfen herbeizuströmen begann, predigte ich unablässig, es sei nichts mit der Diana, nichts mit den Bildern, nichts mit dem Götzendienst, den sie trieben; unwürdig auch seien jene Lieder, die sie beim Wein und ihren schwelgerischen Gelagen sängen […].“ Freilich deutet sich hier an, dass sein Wirkungskreis zunächst auf kleinere Ansiedlungen aus der näheren Umgebung begrenzt geblieben ist.

Später hatte Wulfilaich auch Erfolg mit seinen Bestrebungen (Fränkische Geschichte VIII,15): „Sie […] verließen ihre Götzen und folgten dem Herrn. Da sammelte ich eine Zahl von ihnen um mich, und es gelang mir, mit ihrer Hilfe jenes gewaltige Götzenbild, das ich mit eigener Kraft nicht zertrümmern konnte, zu stürzen …“ Eine Anzahl anderer, kleinerer Kultbilder hatte der Stylit vorher schon selbst zerstören können. Die Niederlegung der großen Stele gestaltete sich aber zunächst schwierig. Reines Predigen von der Säule und Appelle an die Verehrer der Göttin blieben offenbar zunächst wirkungslos. Daher sah Wulfilaich sich schließlich sogar gezwungen, herunter zu steigen und in der Kirche für das Gelingen des Unterfangens zu beten. In der Folge sammelte er genug Anhänger, mit denen er das antike Denkmal zerstören konnte.

Mit der Zerschlagung der Götterbilder eiferte Wulfilaich übrigens noch einem weiteren großen Vorbild nach, nämlich dem fränkischen Nationalheiligen: Der hl. Martin von Tours selbst hatte mehrfach heidnische Heiligtümer zerstört, manchmal auch mit tatkräftiger Unterstützung aus der Bevölkerung (Sulpicius Severus, Leben des hl. Martinus 13-16).

Wir können vermuten, dass die Sache dem religiösen Establishment spätestens zu diesem Zeitpunkt unheimlich wurde. Schließlich hatten die Säulenheiligen im Osten großen Einfluss sowohl bei einfachen Gläubigen als auch in höchsten politischen Kreisen erlangt. So hatte das Wort von Symeon Stylites am Hof von Kaiser Theodosius II. großes Gewicht (vgl. Blog Symeon auf der Säule).

Magnerich, der damalige Bischof von Trier, hätte die Missionierungserfolge in seinem Sprengel vermutlich lieber als eigene Leistung verbucht, denn dieser war offenbar sehr ambitioniert. Der Bischof hat tatsächlich eine wichtige Position am Hof von Childebert II., dem fränkischen König, erreicht, so war er im Jahr 585 der Taufpate von dessen Erstgeborenem Theudebert.

Die kirchliche Obrigkeit sorgte jedenfalls dafür, dass sich in ihrem Wirkungsbereich kein bedeutender Säulenheiliger als Konkurrenz etablieren würde. Wulfilaich resümiert mit Bitterkeit und Vorwürfen über das Ende seines frommen Vorhabens (Fränkische Geschichte VIII,15): „Und wie der Böse immerdar denen zu schaden bemüht ist, die Gott suchen, kamen alsbald die Bischöfe zu mir, die mich … hätten ermutigen sollen, mein begonnenes Werk eifrig durchzuführen, und sprachen: ‚Der Weg, den du einschlägst, ist nicht der rechte, auch kann man dich geringen Mann nicht Symeon von Antiochien, der auf der Säule stand, vergleichen. Überdies lässt die Natur dieses Landes nicht zu, dass du diese Peinigung aushältst. Steige also herab und wohne bei den Brüdern, die du um dich gesammelt hast.‘“ Wulfilaich hatte zu diesem Zeitpunkt also schon das Kloster als religiöse Gemeinschaft gegründet. Die Bischöfe rechtfertigen ihre Anweisung einerseits mit dem unwirtlichen Klima. Andererseits geben sie aber auch an, dass er nicht das Format seines berühmten Vorbildes habe, und damit behielten sie sogar Recht.

Die Anweisung zum Verlassen der Säule hat sogar eine Parallele in einer Anekdote zu Symeon Stylites. Diesem, so eine Lebensbeschreibung bei Evagrius Scholasticus aus dem 6. Jahrhundert, hatten ägyptische Äbte befohlen, von seiner Säule herabzusteigen (vgl. Blog Symeon auf der Säule). Doch hatte Evagrius mit seiner kurzen Geschichte noch begründetet, dass der göttliche Auftrag an Symeon, dort oben zu stehen, stärker war als Aufruf der Würdenträger, wieder herunterzukommen (Evagrius Scholasticus, Kirchengeschichte I,13).

Bei Wulfilaich lief die Sache anders. Er setzt den Befehl der Bischöfe zwar mit dem Wirken des Bösen gleich, dennoch betont er seine Gehorsamspflicht, kam deren Ansinnen nach und gab seine asketische Lebensweise wenigstens zum Teil auf. Im Unterschied zum älteren Symeon, der auf seiner Säule bleiben konnte, fand er keinen Weg, die Direktiven erfolgreich zu umgehen. Stattdessen wurde er von Bischof Magnerich regelrecht überlistet (Fränkische Geschichte VIII,15): „Eines Tages aber ließ der Bischof mich weiter hinweg auf einen Hof bescheiden und sandte indessen Arbeiter mit Brechstangen, Hämmern und Äxten hinaus, die stürzten die Säule um, auf der ich zu stehen pflegte. Als ich am folgenden Tag heimkehrte, fand ich alles zerstört.“

Wulfilaich, der als Säulenheilger hätte prominent werden können, konnte den ehrgeizigen Zielen des Bischofs danach jedenfalls nicht mehr schaden. Man mag es als Ironie der Geschichte verstehen, wenn Wulfilaichs Säule ebenso niedergelegt und zerstört wurde, wie er es selbst mit dem Dianastandbild gemacht hatte. Immerhin, ein Heiliger ist er dennoch geworden.

 

Im Text genannte antike Quellen

Evagrius Scholasticus, Kirchengeschichte I: A. Hübner (Übers.), Evagrius Scholasticus, Kirchengeschichte. Fontes Christiani 57/1 (Turnhout 2007).

Gregor von Tours, Fränkische Geschichte: R. Buchner (Hrsg. und übers.), Gregor von Tours, Zehn Bücher Geschichten. Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe Band 2-3 (Darmstadt 1955/56).

Sulpicius Severus, Leben des hl. Martinus: P. Bihlmeyer (Übers.), Die Schriften des Sulpicius Severus über den Heiligen Martin, Bischof von Tours. Bibliothek der Kirchenväter II 20. (München 1914).

Theodoret, Mönchsgeschichte: K. Gutberlet (Übers.), Des Bischofs Theodoret von Cyrus Mönchsgeschichte. Bibliothek der Kirchenväter II 50 (München 1926).

 

Literaturauswahl

F. Pfeiffer, Magnerich. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL) Band XXI (2003), Spalte 881-890.

E. Sauser, Wulfilaich. In: BBKL Band XXII (2003) Spalte 1577.

 

Bildquelle Abb. 1-3 Wikipedia. Bildrechte und Bildautoren Abb. 1 Autor Tangopaso; Abb. 2 Autor Grentidez; Abb. 3 Autor Aimelaime.

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Author:

Dr. Raymund Gottschalk

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