Was sind Runen?

Das neuhochdeutsche Wort „Rune" kennen wir hauptsächlich in der Bedeutung „Schriftzeichen". In der Sprache der Wikinger meinte das Wort rún aber auch „Geheimnis", was sich heute höchstens noch in „Raunen" wiederfindet. Runen sind also solche sonderbaren Zeichen, wie sie die germanischen Stämme viele Jahrhunderte lang zum Schreiben gebrauchten und immer weiterentwickelten. Sie bestehen aus Strichen (Stäben und Zweigen) und kleinen Häkchen. Sehen sie einfach größtenteils nur anders aus die lateinische Schrift oder was ist daran so „geheimnisvoll"? Obwohl für die im Norden angesiedelten Stämme (insb. die Wikinger) der Gott Odin als Erfinder dieser Schrift und darum auch als erster Runenmeister gilt, sind Runen auch im christlichen Kontext der Merowingerzeit massiv verwendet worden. Es ist davon auszugehen, dass jede Rune einen Namen und Lautwert besitzt, also eine festgelegte Art der Aussprache. Zugleich hat sie aber auch verschiedene Bedeutungen (so z.B. die erste Rune fehu ᚠ "Vieh" oder "Besitz" steht für das /f/). Der Gebrauch von Runen war daher eine Kunst, die zunächst nur wenigen Menschen vertraut war. Es gab unter ihnen die Runenmeister, dann aber auch Runenschreiber und Runenritzer. Der Runenmeister – vorwiegend ein Mann – war äußerst angesehen und kannte sich sehr gut mit Runen aus. Er entwickelte Ideen, manchmal auch mit Geheimrunen oder anderen Tricks, nach denen dann der Runenschreiber/die Runenschreiberin eine Inschrift in Stein, Holz oder Knochen meißeln bzw. der Runenritzer auf Metall anbringen sollte. Etliche Exemplare sind von ihnen auch kunstvoll ausgeschmückt und farbig gestaltet worden. Diese Aufgabenteilung gibt schon Aufschluss über die umfassenden Kenntnisse, die auf diesem Gebiet gefordert waren, von dem wir heute längst nicht mehr alles wissen. Dass Runen beispielsweise Zeichen sind, die Namen und Bedeutungen tragen, ist deshalb bekannt, weil diese glücklicherweise in einigen Inschriften überliefert sind (bsp. auf dem Stein von Stentoften oder im Abecedarium Nordmannicum). Auch dass die Schreibrichtung mal von rechts, mal von links oder kreisförmig und senkrecht verlief, bezeugen verschiedene Funde. Vieles andere, wie z.B. die Entstehung der Runen, ihre korrekte Aussprache oder so manche Botschaften, die sie uns mitteilen wollen, geben Rätsel auf und müssen offen bleiben. Runen sind also noch heute geheimnisvoll.  

Wie sind sie überliefert?

Schriftzeichen werden seit jeher in Reihenfolgen notiert. Das sehen wir auch heute noch in unserem Abc, das wir auch (lateinisches) Alphabet nennen, weil schon alten Griechen im 9. Jh. v. Chr. ihre Reihe mit den Buchstaben Alpha und Beta begannen. Bei den Runen gibt es auch eine Zeichenabfolge, doch da sie nicht mit und B beginnt, nennt man sie auch nicht Alphabet, sondern man spricht von einer Runenreihe. Erst ab dem Mittelalter ist sie umgeschrieben und dem (lateinischen) Alphabet in der bekannten Abc-Folge zugeordnet worden. Doch ursprünglich beginnt die Runenreihe mit f, u, th, a, r und k, weshalb man ihr den Namen Futhark gegeben hat. Das älteste inschriftliche Futhark befindet sich auf dem Stein von Kylver aus dem schwedischen Gotland und besteht aus 24 Runen. Die Steinplatte gehört zu einem Grab und wird ins 5. Jahrhundert, in die Völkerwanderungszeit, datiert. Runeninschriften sind Handarbeit, weshalb die Runen von verschiedenen Schreibern in unterschiedlichen Gegenden immer etwas anders aussahen – ganz ähnlich wie das bei unserer Handschrift heute auch der Fall ist. Und weil sich Sprache und Schrift immer weiterentwickeln, ist aus dem ältesten Futhark irgendwann im Verlauf der Zeit, die auch immer mehr Runenmeister und -schreiber hervorbrachte, ein neues und mit nur noch 16 Runen kürzeres entstanden, das man jüngeres Futhark nennt. Belege dafür gibt es bspw. auf dem Stein von Gørlev und dem Stein von Malt. Insgesamt erstreckt sich die Überlieferungsspanne des jüngeren Futhark in Skandinavien über die gesamte Wikingerzeit (je nach Definition etwa von 750-1125). Ein eindrucksvolles Beispiel einer Paralleldarstellung der beiden Futhark-Varianten bietet der Stein von Skåäng, der einmal in der Völkerwanderungszeit mit dem älteren und ein weiteres Mal während der Wikingerzeit mit dem jüngeren Futhark beschrieben wurde. Neben einigen weiteren kleinen gab es zu dieser Zeit auch noch eine dritte große Veränderung, nämlich in England, wo die Menschen aus den 24 Runen des älteren Futhark eine Runenreihe mit 33 Runen bildeten. Sie wird Futhork genannt. Weil es mittlerweile viele Runenreihen gab, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Futharks immer wieder dem lateinischen und anderen Alphabeten gegenüber gestellt oder in Runengedichten und Merkversen notiert wurden. Abecedarien – auch hier steckt wieder Abc drin – heißen diese alphabetisch angeorndeten Tabellen, die ähnlich wie Vokalbelhefte funktonieren und jedem Buchstaben des Alphabets ein Runenzeichen zuordnen. Solche Übersetzungshilfen und Gedächtnisstützen konnte man offenbar gut gebrauchen, denn sie sind vielfach überliefert.

Was wurde überliefert?

Die Inhalte der Inschriften und Ritzungen können kultischer, religiöser oder rechtlicher Natur sein; vorwiegend sind jedoch einfache Informationen über Personen, Ereignisse oder Namen überliefert, die entweder – im Sinne einer heutigen Gravur – anzeigen, wem ein Gegenstand gehört, wer diesen hergestellt hat. Sogar Objektbezeichnungen tauchen vielfach auf. Typische Beispiele sind die Wörter „Kamm" oder „Schemel" auf den gleichnamigen Frisiergeräten oder Sitzmöbeln. Die Schwerter mit dem Namen Ulfberht auf der Klinge stehen hingegen für ein Qualitätsprodukt einer Werkstatt des frühen Mittelalters – wie wir es heute ganz ähnlich mit dem Solinger Stahl kennen. Man hat sie überall in Europa und auffällig häufig in Skandinavien gefunden. Zwischen dem 8. und 11. Jh. waren nicht nur „originale Ulfberhts" in Umlauf, sondern auch zahlreiche Kopien, die die Beliebtheit unterstreichen. Viele Runenmeister der Wikingerzeit haben es Ulfberht gleichgetan und ihr Kunstwerk signiert, weshalb wir glücklicherweise viele heute mit Namen kennen. Ein gängiger Satz dafür lautete zum Beispiel: „N.N. schrieb/ritzte/hieb die Runen." Man hat dabei auch gerne viele Formeln sowie Abkürzungen verwendet. Runen waren also keine Schrift, mit der lange Texte und Berichte verfasst wurden. Die längste wikingerzeitliche Inschrift umfasst rund 750 Runen (Stein von Rök), was für den Runenschreiber sicherlich ein großer Aufwand war, doch im Vergleich zu einem Schriftstück wie einer Urkunde oder einer Sagenerzählung immer noch recht kurz ist. Zum Vergleich: 750 Zeichen sind noch weniger als dieser letzte Textabschnitt besitzt.

Die letzten überlieferte Runeninschrift überhaupt ist um 1900 im schwedischen Darlana in eine Holzhütte geritzt worden und lautet: „Anna Andersdotter weidet."

 

Literaturtipps:

Düwel, Klaus: Runenkunde, 4. überarb. und aktual. Aufl., Weimar 2008.
Krause, Arnulf: Runen. Geschichte – Gebrauch – Bedeutung, Wiesbaden 2017.


Sarah Weber, M.A. 
Wissenschaftliche Volontärin im Museum in der Kaiserpfalz, Paderborn

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Sarah Weber

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