The Detectorists

Ein größtenteils ungehobener TV-Schatz

 

Mal was Gutes und Schönes. Nachdem wir so lange und vielleicht auch so penetrant auf den Barbaren  herumgehackt haben (und nach wie vor der Ansicht sind, dass das notwendig war) möchte ich auf eine richtig empfehlenswerte archäologische Fernsehserie hinweisen. Eine Serie, die mich in ihren Bann gezogen hat, obwohl ich seit Jahrzehnten dem Fernseher abhold bin. Manche werden sie schon kennen, gemeint ist The Detectorists. Der Stream ist für alle, die einen Internetzugang haben, über die Mediathek von Arte  zugänglich.

Bei The Detectorists geht es um das, was Archäologie ausmacht: um die unentwegte, absonderlich wirkende Suche nach Lichtblicken in eine andere Zeit. Nicht um die lückenlose Verwertung der Vergangenheit. Die liefern uns die zahllosen TV-Fertiggerichte zum Thema Frühgeschichte, in denen man problemlos in ein zumeist bombastisches, rundum vorgefertigtes Szenario „eintauchen“ kann. Dagegen suchen die Hobby-Metallsondengänger in The Detectorists – etwas schnulzig ausgedrückt und von mir plump übersetzt "eigentlich nach Liebe und danach, wo sie hingehören und all diese anderen Dinge in ihrem Leben". Das sind die Worte des Regisseurs, Autors und Hauptdarstellers Mackenzie Crook. Man kennt ihn und insbesondere seine rollenden Augen aus Pirates of the Caribbean  oder aus Game of Thrones, wo er den Wildlings-Warg Orell  darstellt.

Mit hoher Sachkenntnis, leiser Poesie und viel Humor wird die Hobbyarchäologie-Szene beschrieben. Und das wie noch nie zuvor: Liebevoll, sehr präzise und mit hoher Charakterdynamik baut die Serie Stück für Stück die Welt eines Metallsondenclubs in der englischen Provinz auf. Viele britische Hobbyarchäologen reagierten zunächst einmal zurückhaltend auf die geplante Serie. Sie gingen davon aus, wieder einmal klischeehaft dargestellt zu werden. Schließlich wurde Archäologie in Film, Fernsehen und den Printmedien bislang ausschließlich aus der Sicht des archäologischen Establishments präsentiert. Aber The Detectorists dreht diese Perspektive, die übliche Großerzählung aus dem Leitmuseum bleibt aus. Hier kommt die Basis zu Wort und das ist gut so. Das zumeist ergebnislose Sondeln wirkt aus nichtarchäologischer Sicht zwar etwas outsiderhaft, die Serie versteht es jedoch, ihre Protagonistinnen und Protagonisten niemals vorzuführen. Beim Suchen fischen sie meist im Trüben, aber sie haben im Gegensatz zu vielen ihrer Mitmenschen das Fischen nicht aufgegeben.

Die Erzählung ist gespickt mit archäologischen Sidekicks etwa zu Sutton Hoo oder zum Staffordshire-Hort. Das Archäologieherz schlägt auch beim Anblick der perfekt gemachten Bodenverfärbung eines Schiffsgrabs des 7. Jahrhunderts höher. Letzteres wird natürlich von den Sonden verpasst, denn die Geschichte lebt nicht von großen Funden. Die beiden mit den Hauptdarstellern konkurrierenden Sondengänger sind ein skurriles Double von Simon & Garfunkel. Wieso? Der Karfunkelstein (also der Almandin) ist ein Hauptcharakteristikum des frühmittelalterlichen Geschmeides. Vor allem in der ersten Staffel geht es intensiv um frühmittelalterliche Funde. Solche Geschichten hinter der Geschichte sind für ins Fach Uneingeweihte sicherlich oft unverständlich. Sie regen aber an, genau hinzuschauen. In bewusst sehr sparsam ausgewählten Momenten blitzt eine vergangene Welt hinter der Sondengängerwelt auf. Diese Momente haben eine transzendente Schönheit. Dazu passen auch die bezaubernden Gegenden in Nordessex. Gesondelt wird hier in wahren Schäferlandschaften. Diese Natur steht in scharfem Kontrast zum tristen Alltag. In den ersten beiden Staffeln denkt man irgendwann, dass diese Idylle wenig mit der archäologischen Realität zu tun hat. Die spielt sich ja meist im Dreck auf Baustellen ab. Aber selbst das wird in der dritten Staffel aufgelöst, die auch die Konflikte mit Investoren thematisiert. Dann tauchen Grabungsfirmen auf, denen der Gewinn wichtiger ist als die Archäologie. Bergungstechnisch aufwändige römische Mosaike werden jetzt einfach wegbaggert. Das ist nun keine archäologische Idylle mehr.

Vor kurzem fand Mackenzie Crook tatsächlich Gold bei dem Bauernhof, auf dem die zweite Staffel von The Detectorists gedreht wurde: Ein römischer Anhänger oder Ohrring. Der Fund sei ihm von Herzen gegönnt. Mit Worten kann man den Zauber des Suchen und Findens, den The Detectorists einfängt, nur unzureichend beschreiben. Deshalb nochmal meine Empfehlung, gerade in Coronazeiten: Einfach Reinklicken!

Author:

Karl Banghard

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