Schweine im Weltall. Gedanken zu einem olympischen Neufund

Das Schwein wird kosmologisch unterschätzt. Früher wechselte es aufgrund der Waldweide täglich zwischen Kultur und Natur, zwischen Hof und Wald. Das macht es aus interstellarem Blickwinkel zum Sinnbild für zyklischen Wandel.Außerhalb der Siedlung führte es ein wildes Leben, innerhalb derselben ist es strikten Regeln unterworfen. Ein Hausschwein mutiert im Wald in kürzester Zeit zur Wildheit, ein Wildschwein kann sich auf der anderen Seite in Gefangenschaft atemberaubend schnell an die neue Umgebung anpassen und brav werden.

Ohne nun eine weitere archäoastronomische Sau durchs Dorf treiben zu wollen (davon hatten wir in diesem Blog genug) möchte ich deshalb einige Gedanken zur Schweineweide als Sinnbild für die Weltsicht in der Vorgeschichte loswerden. Nicht zuletzt wegen unserer jahrzehntelangen Erfahrungen bei der Außenhaltung von archaischen Schweinen.

Beginnen wir mit der Odyssee: Der Schweinehirt Eumaios ist der erste, den der heimgekehrte Odysseus nach seiner langen Abwesenheit im trojanischen Krieg wieder trifft. Er ist auch der einzige in dem ganzen Monumentalepos, der in der zweiten Person angesprochen wird. Die Sonderstellung dieser Geschichte innerhalb der Odyssee wird durch einen Neufund aus Olympia unterstrichen. Dort kam eine Tonplatte ans Licht, in die 13 Verse aus eben dieser Eumaiosgeschichte geritzt waren.

Die Keramik stammt wohl aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert. Damit dürfte es sich um das bislang älteste in Griechenland entdeckte Originaldokument der Odyssee handeln. Fundort ist das große Heiligtum. Der Schweinetext fand sich also an einem Ort innerhalb Olympias, der für die besondere Bedeutung der Episode spricht.

In diesem vierzehnten Gesang der Odyssee erhalten wir detaillierte Informationen über die Schweinezucht um 700 v. Chr. Das Zentrum der umfangreichen Schweinewirtschaft lag demnach auf der Höhe. Eine solche Ortswahl verwundert zunächst, schließlich bevorzugen Schweine Tallandschaften. Für ihre extensive Haltung wird vor allem Wasser benötigt, wovon man auf Bergrücken nicht ausgehen kann. Die Anlage des Eumaios war recht groß und aufwändig gebaut, beinahe wie eine kleine Höhensiedlung. Besonders erwähnt wird, dass man dazu extra Steine auf den Berg transportierte. So entstand eine Art Schweineburg auf der Höhe.

Weiter heißt es zu dem Großpferch, Eumaios "hatte ihn oben mit wildem Birnbaum eingefasst, und von Außen durchgehend Pfähle gezogen, hüben und drüben, dicht gedrängt, nachdem er rings das Schwarze von der Eiche abgespalten. Drinnen aber im Hof hatte er zwölf Schweinekofen gemacht, nahe beieinander, als Lagerstätten für die Schweine, und in jedem waren fünfzig Schweine, sich am Boden sielende, eingeschlossen, weibliche, die geboren hatten. Die männlichen ruhten draußen, viel weniger, denn diese verminderten ständig die gottgleichen Freier, indem sie davon aßen. Denn dorthin sandte der Sauhirt von allen wohlgenährten Mastebern immer die besten, und sie waren dreihundertsechzig. Und es ruhten bei ihnen ständig Hunde, wilden Tieren ähnlich, vier, die der Sauhirt aufgezogen hatte." [Homer, Die Odyssee (Düsseldorf/Zürich 2004) S. 239].

Um 700 v. Chr. wurden also eigens Futterbäume wie wilder Birnbaum gepflanzt, damit die Waldweide möglichst viele Tiere ernährt. Der römische Agrarratgeber Columella liefert ein genaueres Bild, wie man einen Schweineweidewald aufzustocken hat, am „geeignetsten sind Wälder mit Beständen von Eichen, Korkeichen, Buchen, Zirneichen, Steineichen, Oleasterbäumen, Tamarisken, wilden Haselnußstauden und wilden Obstbäumen, wie Weißdorn, Johannisbrot, Wacholder, Judendorn, wilder Wein, Kornelkirschbäume, Erdbeerbäume, Pflaumenbäume und Wildkirschenbäume. Deren Früchte reifen nämlich zu unterschiedlichen Zeiten und ernähren so die Herde fast das ganze Jahr hindurch." [Lucius Junius Moderatus Columella, Zwölf Bücher über die Landwirtschaft. Bd. 2 (München/Zürich 1982) S. 203.]. 

Die Einfriedung der Kofen bestand in der Odyssee ausschließlich aus Eichen-Kernholz: Wer schon einmal beobachtet hat, welche Kraft die für das Leben im Unterholz adaptierten Schweine gegen Widerstände im Bodenbereich aufbringen können, wird den Sinn dieser robusten Bauweise verstehen. Aus archäologischer Perspektive schwer nachvollziehbar ist, dass den Freiern die fetten Eber vorbehalten sind, während Odysseus gebratene Ferkel vorgesetzt bekommt. Ferkel beschreibt Homer als Sklavenmahlzeit. Das steht im Gegensatz zu den archäozoologischen Befunden. Überproportional hohe Ferkelknochenanteile in den Abfällen sprechen über die ganze Frühgeschichte hinweg für einen gehobenen Lebensstil. War das deshalb wirklich ernst gemeint mit den Ferkeln als unterprivilegierter Speise? Paradoxerweise wird in der Odyssee genüsslich und in elegischer Breite geschildert, wie Eumaios die Ferkel brät, mit weißem Gerstenmehl bestreut und mit honigsüßem Wein serviert. Braten gehört nicht gerade zu den häufigsten Zubereitungsarten der einfachen Leute in der Frühgeschichte. Es scheint sich deshalb bei der Ferkelszene um eine Geschichte hinter der Geschichte zu handeln, die für die Menschen am Ende der Bronzezeit sicher leichter verständlich war als für uns.

Dasselbe gilt auch für die Zahlen in der Eumaiosgeschichte, womit wir wieder beim Thema wären: Es sind alles Zahlen mit kalendarisch-kosmologischem Bezug. Die zwölf Aufzuchtkoben entsprechen den zwölf Monaten, die vier Hunde den vier Jahreszeiten. Und die 360 Eber könnten die Gradunterteilungen eines Kreises spiegeln. 360 war auch die Ordnungszahl des altorientalischen Hexagesimalsystems und der frühgeschichtlichen Kalenderrechnung. Schließlich befand sich ja die homerische Schweineburg nahe an den Sternen.

Wutz und Watz

Wenn es den Asengläubigen unter uns jetzt auch frösteln könnte, aber ist nicht Wallhall auf gewisse Weise mit der homerischen Schweineburg vergleichbar? Denn der Eber Sæhrímnir ist der einzige, der zyklische Strukturen in den Walhall-Alltag bringt. Sæhrímnir wird jeden Tag von den Toten (bzw. vom Schweinebraten) wiedererweckt, gejagt und verspeist – um am nächsten Tag wieder aufzuerstehen, gejagt und verspeist zu werden. Er liefert genug Fleisch für sämtliche Walhallbewohner und für Odins Wölfe. Dem Namen Sæhrímnir werden unterschiedliche Wortbedeutungen zugesprochen, sie gehen von „rußiges Seetier" bis „Kochgrube". Alles scheint dunkel bei der nächtlichen Zubereitung des Ebers, sein Koch heißt Andhrímnir, der ihn im Kessel Eldhrímnir gart. Koch und Kessel tragen den Begriff für Ruß im Namen. Dadurch wird die Dunkelheit des nächtlichen Kochens und Verspeisens noch einmal betont. Sie steht im Gegensatz zur Jagd am hellen Tag. 
Ganz ähnlich zieht der Eber Gullinborsti („Goldborste") das Fuhrwerk Freyrs unentwegt bei Tag und bei Nacht durch das Firmament. Nachts sprühen seine Borsten Funken um die Dunkelheit ein bisschen aufzuhellen. Freyrs Himmelsfahrt ähnelt den antiken Dioskuren, die sich ja bis heute als Größe in unserem Sternenhimmel erhalten haben. Die Schweinevariante dürften die Menschen des frühen und hohen Mittelalters besser verstanden haben.

Karl Banghard

 

Literatur: Martin Schmidt: Die Welt des Eumaios, in: Andreas Luther (Hrsg.): Geschichte und Fiktion in der homerischen Odyssee, (München 2006) 117–138. 

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Karl Banghard

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