Schaffende und raffende Living History

Bei der Geschichte unseres Museums kommen wir nicht umhin, ab und zu etwas zum Nationalsozialismus zu sagen. Dies führt natürlich zu zahlreichen Kommentaren. Dabei wird nicht selten beklagt, dass wir das Thema nur wegen des schnöden Mammons aufgreifen. Einige Beispiele:
 - Am 28. Juni gab mir ein Herr S. auf academia.edu folgende Rückmeldung für den kostenlosen Download der Broschüre "Nazis im Wolfspelz":
"checking out what our tax money is used for"

 - Am 25. März ließ ein "Wehrwolf 28"an der selben Stelle wissen:

"Es ist eine Schande, dass die Allgemeinheit diesen Schwachsinn finanziert. Irminsul ist unser Baum, bald liegt Karl im Kofferraum." 

-Am 10. 8. 2016 leitete ein Herr K. einen offenen Brief, in dem er seine Empörung über die Broschüre "Nazis im Wolfspelz" kundtut und mich mit väterlichen Worten belehrt, mit folgenden Worten ein:
"Die Wissenschaft ist ein hartes Geschäft. Da denkt man als junger Forscher, man könne nun bis zur Pensionierung am eigenen Steckenpferd vor sich hin forschen - nur um festzustellen, daß das schon ein Dutzend anderer Forscher tut. So sucht man sich ein neues Steckenpferd, so lange, bis niemand Anderer mehr Einspruch erhebt. (...) Behauptet man sich lange genug, versucht man ein Auskommen zu finden, ob als "Vollzeit-Forscher", in der Wirtschaft oder etwa als Museumsdirektor."

- Und vor wenigen Stunden schrieb eine Frau H. auf einem archäologischen Forum über mich (Orthographie im Original):
"Einfach was gesehen, keine Ahnugn von Geschichte und Hintergründen und schon wird ein Feindbild hochgepuscht, damit man später mit Büchern & Vorträgen darüber Geld verdienen kann. Da könnte ich nur im Strahl kotzen!"

Dies sind nur einige wenige Kostproben vom großen Berg von Rückmeldungen aus der Serie "Die machen das doch nur, weil es Geld dafür gibt." Die heftigsten davon erspare ich der geneigten Leserschaft. Es wird deshalb Zeit, die Konten offen zu legen: Wenn ich einen Abendvortrag halte, geht das Honorar an das Museum. Die zahlreichen dabei anfallenden Überstunden werden weder ausbezahlt noch abgefeiert. Kommt es hoch, springen 300 Euro pro Abend raus, auf den Fahrtkosten bleibt man in der Regel privat sitzen. Thilo Sarrazin erwirtschaftet in diesem Erwerbszweig ein bisschen mehr. Er spendet seine Honorare auch sicherlich nicht an seinen Pensionsfonds. Die im dreckigen Anti-Nazi-Geschäft vom zwielichtigen Museumsleiter erschlichenen Mittel fließen also 1:1 in Gutes - in den stets frisch gemähten Rasen, den anständige Reenactors am Wochenende wieder zerstören können, in gutes Futter für glückliche Schweine und in gute Silexklingen für glückliche Kinder. Es ist müßig zu erwähnen, dass jeder hier im Freilichtmuseum mindestens zwei Gehaltsstufen unter dem verdient, was auf dem jeweiligen Posten einem Kollegen in einem staatlichen Museum zusteht und dass wir Jahr für Jahr aufs Neue um unsere Existenz kämpfen müssen. 
Nun ist es alles andere als falsch, wenn man die wirtschaftliche Basis stets in seine Weltsicht einbezieht. Ob es hingegen Sinn macht, sich dabei auf eine derart organisationsschwache und unterkapitalisierte Institution wie unsere zu konzentrieren? Man gräbt sich vor allem selbst eine mentale Grube, denn so wird der Blick auf die eigentlichen gesellschaftlichen Verhältnisse verstellt. Oder macht man das gerade deshalb, weil man sich mit diesen nicht beschäftigen möchte? Noch weiter gedacht: Möchte man mit solchen Äußerungen nicht sogar teilhaben an dem zweifelhaften Genuss von Machtausübung auf die ohnehin marginalisierte Kultur? Im öffentlichen Gejammer über die vermeintlich falsche Verwendung von Steuermitteln steckt ja immer die verklemmte Hoffnung, dass uns auch noch der letzte Geldhahn zugedreht wird. Genugtuung hat man erst, wenn die wenigen Inseln, die noch nicht ganz vom kapitalistischen Strom erfasst sind, untergangen sind. Denn Gerechtigkeit bedeutet aus dieser Perspektive nur gleiche Repression für Alle.
Vor allem soll aber polarisiert werden: Auf der einen Seite der Schreibtischtäter, auf der anderen Seite der hart arbeitende, Steuer zahlende Bürger mit einem natürlichen Draht zur lebendigen Geschichte. Die zugespitzten Gegensätze bekommen so den antisemitisch grundierten Lack des schaffenden und des raffenden Kapitals. Auch mir ist aus meiner nicht ganz bürgerlichen Vita heraus klar, dass mein Job schöner ist, als am Fließband, auf dem Bau oder hinterm Putzeimer zu stehen. Eben weil ich die andere Seite kenne, genieße ich das Positive an meiner Arbeit und versuche das auch zu vermitteln. Soll ich mich dafür schämen? 
In unserem Betrieb ist schließlich durchaus bekannt, wie groß die Kluft zum Bildungsbürgertum ist. Museumsbesucher glauben dem Fachstudenten fast immer mehr als dem Nichtakademiker, selbst wenn letzterer weitaus mehr zu sagen hat. Fängt der Fachstudent dann auch noch an, den Nichtakademiker soziologisch zu untersuchen, wird es richtig fies. Mir fällt dazu immer eine besonders eindrückliche Szene in Tarantinos Django ein: Die, in der der Sklavenhalter den Totenschädel seines Sklaven vermisst. Dadurch offenbaren sich die Machtverhältnisse weitaus deutlicher als bei jedem Gewaltakt. Es ist deshalb notwendig, dass man sich dagegen wehrt, vermessen zu werden. Kontraproduktiv wird es nur, wenn aus dieser Position heraus jede Analyse abgelehnt wird. Dann öffnet sich ein breites Tor für die eingangs beschriebene Hetze.

 

Karl Banghard

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