Mein Praktikum in der Museumspädagogik im AFM

Als ich mich hier im AFM für ein vierwöchiges Praktikum für mein Geschichtsstudium bewarb, dachte ich mir auch zuerst, ich würde nicht viel mehr machen als im Büro zu sitzen und Kinder durch die Ausstellung schleifen. Ich hatte mich hier hauptsächlich deshalb beworben, weil ich mir dachte, dass so ein Freilichtmuseum wesentlich interessanter sein könnte, als ein ganz „normales" Museum. Hätte ich mich in solch einem „Vitrinenmuseum" beworben, hätte ich vermutlich einen Großteil meiner Zeit damit verbracht Laufbursche zu spielen und Büroarbeit zu erledigen. Da wollte ich doch lieber mal gucken, was man im Freilichtmuseum so macht, zumal mich das Thema der Ausstellung im AFM (insbesondere das frühe Mittelalter) wesentlich mehr interessierte.

Also machte ich mich auf den Weg. Die ersten Aufgaben, die ich bekam, schienen mir nichts besonderes zu sein: Ich sollte bei Führungen mitlaufen und beobachten, im Büro ein wenig aushelfen und eine Kritik an der Homepage des Museums schreiben. Ich hatte allerdings einen relativ günstigen Zeitpunkt gewählt, da mitten in meinem Praktikum die Wikingertage lagen. So konnte ich direkt die Vorbereitung einer Großveranstaltung im Museum miterleben und mich auch beteiligen, indem ich das Wikingerschach vorbereitete und am zweiten Tag der Wikingertage auch leitete. Da habe ich natürlich auch was draus gelernt: Die Knochenmühle von Verdun ist ein lauer Witz gegen den Stellungskrieg, der sich entfacht, wenn man ein paar Zehnjährige länger als eine halbe Stunde Kubb spielen lässt. Von den gelegentlichen Materialschlachten in der Grube hinterm Jungsteinzeithaus mal abgesehen, konnte ich aber auch sehen, wie viel Aufwand für eine solche Veranstaltung nötig ist. Von den Gesprächen mit den Darstellern, die generelle Organisation bis hin zu eher kleineren Dingen wie die Anzahl und Qualität der Holzschilder für das Runenschreiben, die Auswahl von Erste-Hilfe-Kästen und der Anzahl der zu verkaufenden Met-Flaschen musste alles genau geplant werden. Klar hat nicht alles so gut geklappt, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber letztendlich waren die Tage ja ein Erfolg. Wenn ich aus diesen Erfahrungen in der Organisation eine Lehre ziehen sollte, würde ich gern Helmuth von Moltke paraphrasieren: Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt, aber passt schon. Irgendwie.

Einen Großteil meines Praktikums bildeten die Führungen, von denen ich zum Ende hin auch einige übernommen habe. Diese wurden hauptsächlich von Kindern besucht. Über „die Jugend von heute" gibt es ja mehr als genug Vorurteile: Hängen nur an ihren Smartphones, sind ohne Internet nicht lebensfähig, haben kaum noch praktisches Allgemeinwissen, sind alle verwöhnt und verzogen, haben keinen Respekt mehr vor irgendwas, keinen Sinn mehr für Disziplin, Gehorsam, Zucht und Ordnung und und und. Ich muss gestehen, dass ich am Anfang des Praktikums auch etwas von diesen Vorurteilen beeinflusst war. So war ich etwas überrascht, als in fast jeder Gruppe mindestens ein Kind war, das in Sekundenschnelle die Haselnussbäume im Gebiet der Mittelsteinzeit identifizieren konnte – ganz ohne Hilfe von Google und co. Hier habe ich auch gelernt, wie wichtig die Qualifikation der Lehrer ist. Ich habe einige Lehrer erlebt, die ihre Kinder besser im Griff hatten, als ein preußischer Drillmeister – ganz ohne Spießrutenläufe und Auspeitschungen! Bei anderen Gruppen hingegen kam man ernsthaft ins Nachdenken, ob man die zwei Sachen nicht mal wieder in den Schulunterricht einführen sollte… Insgesamt haben die Führungen jedoch sehr Spaß gemacht, trotz einiger – vorsichtig ausgedrückt – Chaoten. Mein Respekt für Lehrer ist jedenfalls deutlich gestiegen. Wenn ich mir vorstelle, jeden Tag eine Schulklasse zu leiten, der Rasselbande Wissen, Werte und Manieren zu vermitteln und dann auch noch dafür zu sorgen, dass sie auf das Leben vorbereitet sind, krieg ich jetzt schon leichte Panik. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich als Lehrer lange durchhalten würde, auch ohne das Wissen für die Zukunft eines jeden Kindes verantwortlich zu sein. Da schubs ich doch lieber wehrlose Kinderchen 1-2 Stunden lang durchs Museum und zwinge sie zur Sklavenarbeit an den Mühlsteinen (das ist natürlich bildlich zu verstehen).

Stichwort Mühlsteine: die praktischen Fähigkeiten, die ich hier im Museum gelernt habe waren eines der Highlights dieses Praktikums. Ich glaube kaum, dass ich in einem „normalen" Museum so etwas wie Nähen oder Bogenschießen gelernt hätte. Mittlerweile bin ich in der Lage mit einer Nähmaschine umzugehen und mit der Nadel Stoff zusammen zu nähen anstatt meiner Finger. Dazu habe ich gleich noch gelernt, wie man allein im Wald um Oerlinghausen überlebt – inklusive Bogenschießen, Süppchen aus Brennnesseln kochen, Messer aus Holz, Feuerstein und Birkenpech machen und Feuer erzeugen. Eins der Highlights meines Praktikums hing auch mit Feuermachen zusammen. Am Tag bevor ich meine erste Führung alleine übernehmen sollte, habe ich eine halbe Stunde versucht mit modernen Mitteln Feuer zu machen, was nur so mittelprächtig klappte. Etwas enttäuscht von der Tatsache, dass ich wohl zu blöde war ein handelsübliches Streichholz zu bedienen, ging ich dann noch bei einer Führung mit, bei der u.a. Feuer mit Steinzeitmethoden gemacht wurde. Was ich mit Streichhölzern in einer halben Stunde nicht geschafft hatte, habe ich mit Feuerstein, Zunder und einem Schlageisen geschafft. Selbstbewusstsein wiederhergestellt.

Als krönender Abschluss durfte ich dann noch am letzten Tag auf die Internationale Reenactormesse in Minden mitgehen. Dazu musste ich mich dann in eine historische Gewandung zwängen. Vielleicht haben Sie das auf unserer Facebookseite gesehen (Schleichwerbung, woohoo!), der Typ mit langen Haaren im blauen Kleid, der überhaupt nicht gezwungen lächelt, ist meine Wenigkeit [Anmerkung der Redaktion: Genau deshalb haben wir das Foto als Titelbild gewählt ;-)]. Einerlei, auf dieser Messe habe ich natürlich auch einiges gelernt. Erstens: Dudelsackmusik ist das Werk des Teufels. Zweitens: Es gibt nichts spannenderes, als auf einem unbequemen Holzstuhl zu sitzen und einer stundenlangen Debatte zuzuhören, ob die Gewandung, die man trägt, jetzt fränkisch, sächsisch oder skandinavisch ist. Drittens: Museumspädagogik beinhaltet so viel mehr, als nur Kinder belehren und Ausstellungen planen. Öffentlichkeitsarbeit muss betrieben werden, handwerkliche Fähigkeiten müssen beherrscht werden, Veranstaltungen müssen organisiert werden, und und und. Wenn man bedenkt, dass zahlreiche kleine Museen für all das oftmals nur eine Arbeitskraft haben, ist das schon ein extrem breites Arbeitsfeld. Breiter zumindest, als ich es mir am Anfang vorgestellt habe.

Wenn ich aus meinem Praktikum jetzt ein allgemeines Fazit ziehen müsste, wäre es wohl das. Ich habe hier wesentlich mehr Abwechslung erlebt, als ich gedacht hatte. Ich habe neue Fähigkeiten erlernt, wunderbar nette Leute kennengelernt, durch das Bogenschießen ein neues Hobby entdeckt, erfahren wie man Feuer, Brot und – am wichtigsten – Met selbst herstellen kann, wichtige Erfahrungen gesammelt und in den 4 Wochen insgesamt einen Heidenspaß gehabt. Trotz Dudelsackmusik.

Ole Bunte

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