Schöne Spinnrocken – das Accessoire der perfekten Hausfrau!

Spinnen und Weben zählten in der römischen Kultur traditionell zu den wichtigen Aufgaben einer Hausfrau (Trinkl, Wirkungsbereich). Das galt für alle Gesellschaftsschichten. In dem Roman „Der goldene Esel“ macht eine Gattin dem heimkehrenden Ehemann Vorhaltungen (Apuleius, Metamorphosen 9,5,5, Übersetzung nach Helm): „… ich Ärmste strapaziere Tag und Nacht meine Arme mit Wollarbeit ab, damit in unserem Kämmerchen wenigstens eine Lampe leuchtet.“ Im Kontext des Romans wird die Klage zwar nur als Ablenkung vorgebracht, da die Frau gerade einen Liebhaber im Zimmer versteckt hat. Der Vorwurf leuchtete dem gehörnten Hausherrn aber deswegen ein (und war der Leserschaft als literarisches Motiv plausibel), weil das Spinnen zu den typischen Erwerbsmöglichkeiten ärmerer Frauen zählte. Zwar wurde diese zeitaufwändige Tätigkeit schlecht entlohnt, war aber als Heimarbeit geeignet, weil sie weder eine teure Ausrüstung noch viel Platz erforderte.

Auch in wohlhabenderen Haushalten gehörten das Spinnen und Weben zum Alltag (Abb. 1). Mädchen lernten diese Fertigkeiten früh, sodass sie als Erwachsene auch die notwendige Erfahrung hatten, andere anzuleiten und nicht zuletzt die Qualität der abgelieferten Arbeit oder die von eingekauften Textilien zu beurteilen. Bei einem der römischen Hochzeitsbräuche begleiteten Spindel und Rocken bei der Zeremonie die Braut. Die lateinische Literatur beschreibt, dass Hausherrinnen mit den Sklavinnen im Atrium der Villen bei der Textilarbeit saßen (Marquardt, Privatleben S. 55-58). Der Grund dafür waren nicht alleine die günstigen Lichtverhältnisse in diesem Teil des Hauses. Die Vorhalle war für die Frauen nicht zuletzt ein interessanter, weil geselliger Ort, gingen hier doch tagtäglich viele Menschen ein und aus. Im Osten des Reiches hingegen gab es in den Häusern der Wohlhabenden auch von der Öffentlichkeit abgeschirmte Spinnstuben.

Die häusliche Textilverarbeitung galt weit über den Aspekt der Sparsamkeit bis in höchste Kreise als ein konservatives gesellschaftliches Ideal. Sowohl Livius wie auch Ovid beschreiben in der römischen Frühgeschichte das Schicksal der Lucretia, die sich selbst tötete, nachdem Sextus Tarquinius, der Sohn des letzten römischen Königs Tarquinius Superbus, sie vergewaltigt hatte. In der Nacht zuvor hatten dieser und andere Männer der Königsfamilie, die im Krieg im Feldlager waren, hitzig darüber diskutiert, welche ihrer Ehefrauen die tugendhafteste sei. Sie hatten sie daraufhin besucht und alle beim Feiern vorgefunden; einzig Lucretia erfüllte die Erwartungen, sie war noch mit Textilarbeiten beschäftigt, hatte den Mägden ihr Pensum zugewiesen und war voller Sorge um ihren Mann (Livius, Ab urbe condita 1,57,9; Ovid, Fasti 2,741-743). Eine nicht erhaltene Statue der Gaia Caecilia, der Frau des fünften römischen Königs, soll als Zeichen ihrer Arbeitsamkeit Spinngeräte bei sich geführt haben (Plutarch, Römische Gebräuche 27; Plinius, Naturgeschichte 8,194). Eine sehr ausführliche Grabinschrift aus Rom zählt unter den Tugenden einer Dame aus der städtischen Oberschicht der späten Republik – der Name ist verloren – ihre Treue, den Gehorsam, die Freundlichkeit, angemessenes Verhalten und den Fleiß bei der Wollarbeit auf (Flach, Laudatio). Sieht man einen Anklang an die Realität in einem fiktiven Brief des römischen Dichters Ovid, den er die im Trojanischen Krieg versklavte Briseis schreiben lässt, hatten Sklavinnen es jedoch manchmal schwer (Ovid, Briefe an Heroinen 3,75-80, Übersetzung nach Heinze): „Ich, bescheiden und deine Dienerin, werde die aufgetragenen Wollmengen spinnen und meine Fäden werden die vollen Rocken kleiner machen. Ich bitte dich nur, dass deine Gattin, die mir auf irgendeine Weise nicht gewogen sein wird, mich nicht so sehr schilt und dass du nicht zulässt, dass meine Haare vor deinen Augen ausgerissen werden […]“.

Sueton überliefert in seiner im 2. Jahrhundert verfassten Biografie des Kaisers Augustus (Sueton Augustus 64, Übersetzung nach Till): „Seine Tochter und seine Enkelinnen erzog (Augustus) so streng, dass er sie sogar zum Wolle spinnen anhielt …“. Hier klingt allerdings schon an, dass spätestens in der Kaiserzeit wohlhabende Frauen, Tugendideal hin oder her, nicht mehr ganz so viel Zeit mit Spinnen zubrachten, wie es sich manch konservative Mann wünschte.

Gesellschaftliche Ideale waren in römischer Zeit nicht eindimensional, neben der Tugend der Sparsamkeit wurde es im Verlauf der Republik auch langsam chic, seinen Wohlstand zu genießen und zur Schau zu stellen. Wer genug Geld hatte, konnte Stoffe aller Art kaufen, selbst Luxusprodukte aus Seide. Es war nicht mehr nötig, alle Textilien selbst zu Hause herzustellen. Diese Einstellung spiegelt sich auf den Bilddenkmälern wider: Darstellungen spinnender Frauen kommen zwar in mythologischem Zusammenhang und in Szenen des Alltagslebens vor. Anders ist es aber auf Grabdenkmälern, die ja der Repräsentation der Verstorbenen dienen: Hier halten die Grabinhaberinnen ihr Spinngerät in der Hand, ohne es zu benutzen (Larsson Lovén, Textile making)! So demonstrieren sie ihren Status als perfekte Hausfrau und grenzen sich zugleich gegenüber ihren ärmeren Geschlechtsgenossinnen ab.

In reich ausgestatteten Gräbern von Mädchen und Frauen finden sich manchmal Spinnutensilien aus haltbaren und teureren Werkstoffen: aus Stein, Knochen oder Elfenbein, aus Bernstein oder Gagat, aus Glas sowie Metall, in seltenen Fällen sogar aus Edelmetallen. Gelegentlich sind Spindel und Rocken als zusammenpassendes Set gearbeitet (Abb. 2).

Bemerkenswert ist ein kleiner Spinnwirtel, der zwar in Trier gefunden wurde, aber vermutlich in einer Werkstatt in Autun (Dép. Saône-et-Loire/F) produziert worden ist (Schwinden, Spielwürfel S. 43-44). Das qualitätvolle, aus Schiefer gefertigte Exemplar ist mit einer Ritzinschrift versehen, deren Wortlaut Bezug nimmt auf das oben beschriebene Ideal der fleißigen Hausfrau: „imple me sic versa me“ (= „Fülle mich! So drehe mich!“).

 

Die aus einem(!) Stück bestehende Bernsteinkunkel, die man der jung verstorbenen Crepereia Tryphaena in den Sarkophag gelegt hatte, war sicher ein sehr außergewöhnliches Besitztum (Abb. 3). Zum Vergleich: Plinius der Ältere gibt an, dass eine kleine Figur aus Bernstein teurer gewesen sei als ein Sklave (Plinius, Naturgeschichte 37,12).

 

Kostbare funktionsfähige Spinnutensilien eigneten sich demnach ausgezeichnet dazu, das Ideal der tugendhaften spinnenden Hausfrau mit einem persönlichen Luxus zu verbinden. Als Teil weiblicher Selbstdarstellung gehörte ihre Benutzung innerhalb des sozialen Habitus zum gehobenen Lebensstil der Besitzerin (zum Konzept vgl. Bourdieu, Unterschiede). Die Identifikation ging so weit, dass selbst Flaschen für Duftöle (ein weiteres Statussymbol!) die Form von Handrocken imitieren können (Abb. 4).

Nunmehr sei hier die Form der Handrocken genauer vorgestellt. Der Stab dieser Geräte ist in der Mitte oft durch eine Scheibe unterteilt. In Verbindung mit der gelegentlich vorhandenen Profilierung verhindert dies das Rutschen von Hand und Vorgarn. In vielen Fällen enden die Handrocken in einer Scheibe, die ebenfalls dem Abgleiten des Vlieses entgegenwirkt. Manchmal findet sich am oberen Abschluss stattdessen auch ein kleines Näpfchen (Abb. 5 a-b). Es ist vermutet worden, dass hier ein kleiner Lappen zum Anfeuchten des Fadens untergebracht werden konnte (Haberey, Dorweiler S. 87-88). Das Anfeuchten des Fadens beim Spinnen wird im mythologischen Zusammenhang beschrieben (vgl. Seneca, Hercules auf dem Öta 372 ff.), Herkules „… saß am zierlichen Spinnrocken, den feuchten Faden drehend …“.

 

Die Form der Originalfunde findet sich in antiken Abbildungen wieder. Auf einem Mosaik aus der römischen Villa „La Olmeda“ (Pedrosa de la Vega, Region Kastilien-León, Spanien) ist im Rahmen einer mythologischen Szene, die Achilles mit den Töchtern des Königs Lykomedes auf der Insel Skyros zeigt, eine Spinnerin mit ihren Geräten abgebildet (Abb. 6). Besonders aussagekräftig sind hier die dargestellten Einzelheiten. Das obere Ende des Rockens ist dunkel, gemeint ist offenbar ein näpfchenförmiges Ende. Der Stab selbst ist profiliert, unter dem Vorgarn befindet sich eine breitere Scheibe. Die Kunkel besteht aus einzelnen Elementen, die auf einen unten sichtbaren dünnen Stab gesteckt worden sind. Der Spinnrocken ist relativ kurz, das Knäuel mit dem bandförmigen Vorgarn kaum größer als die Hand. Es ist deutlich zu erkennen, dass das noch nicht versponnene Vlies auf dem Rocken eine andere Struktur hat als der fertige Faden auf der Spindel. Im Unterschied zu Spinnrocken weisen Spindelstäbe übrigens eine Verdickung auf, die dem Wirtel Halt gibt. In der Vergangenheit sind Funde von Rocken zwar gelegentlich als Spindeln interpretiert worden, nach den genannten Kriterien ist eine Unterscheidung aber möglich (Gottschalk, Gräber S. 118).

 

Die Näpfchen am Ende des Rockens sind manchmal so flach, dass ein angefeuchtetes Stoffstück kaum darin Halt finden würde. Vielleicht bevorzugten die meisten Spinnerinnen ohnehin eine praktische Lösung und leckten bei Bedarf ihre Finger an. Die wenig funktional erscheinenden Näpfchen und die relative Fragilität von Handrocken aus Bernstein oder Gagat haben dazu geführt, dass deren Gebrauchswert in der Forschung gelegentlich bezweifelt worden ist (Haberey, Dorweiler S. 88). Stattdessen ist mit dem zusätzlichen Hinweis auf „magische“ Eigenschaften von Bernstein oder Gagat eine symbolische Bedeutung vorgeschlagen worden. Als Grabbeigaben, so eine Vermutung, sollten sie ein Zeichen der Verehrung der Schicksalsgöttinnen, der Parzen, durch die Besitzerin sein (Pirling, Kunkel). Experimente wie hier vorgeführt haben aber gezeigt, dass der Stab der Kunkeln nur minimalen Belastungen ausgesetzt und eine Nutzung problemlos möglich ist (Abb. 7 a-b). Da in Gräbern auch Stücke aus robusteren Materialien vorkommen (Gottschalk, Spinnrocken bzw. mit Ergänzungen Gottschalk, Gräber S. 115-118), können wir dieser Deutung nicht folgen.

 

 

Als zweite, in römischer Zeit wichtige Form wollen wir hier noch die so genannten Fingerkunkeln vorstellen (Cremer, Spinnrocken; König, Fingerkunkel; Trinkl, Wirkungskreis). Diese sind an ihrem ringförmigen Ende zu erkennen. Auf Steindenkmälern wie etwa auf dem Weiherelief der Anthousa, das aus der Umgebung von Sparta stammt (Abb. 8), sind diese Geräte mit aufgewickeltem Vorgarn abgebildet. Sie waren übrigens schon am Ende der Antike außer Gebrauch geraten.

Die aus Holz, Bein, Buntmetall oder Glas gefertigten Exemplare sind oft mit einer figürlichen Darstellung bekrönt. Das Repertoire der Motive umfasst Pinienzapfen, Vasen, Hündchen (Abb. 9 a-d) oder Vögel. Auch Göttinnen finden dort einen Platz, die im Leben der Frauen eine wichtige Rolle spielten, nämlich Minerva als Erfinderin der Textilarbeit sowie häufiger Venus und ihr nahestehende Gottheiten, zuständig für Schönheit, Fruchtbarkeit und Mutterschaft. Das durchlochte Ende wurde auf den kleinen Finger oder den Ringfinger gesteckt. Häufig weisen die Rocken zusätzliche Verzierungen an Schaft und Ringöse auf, was einige Forscher dazu verleitet hat, ihnen einen praktischen Gebrauch abzusprechen (Trinkl, Wirkungskreis S. 290; 293; 301). Diese plastisch ausgearbeiteten Schmuckelemente würden die Arbeit behindern und seien ohnehin nicht sichtbar. Dies kann die Verfasserin, die oft eine maßstabsgetreue Kopie aus Bein benutzt, nicht bestätigen. Im Gegenteil liegt das Gerät bequem in der Hand und eignet sich bestens zur Herstellung dünner Garne aus gewaschenem, feinem, sorgfältig gekämmtem Vlies. Und gerade in der zeitweisen Verhüllung der Bekrönung mag – zumindest bei Venuskunkeln – ein zusätzlicher Reiz gelegen haben: Zunächst unter dem Vlies verborgen, wird die Göttin, mit der sich Frauen ja identifiziert haben, beim Spinnen nach und nach enthüllt (Abb. 10 a-d).

Als Kontrast dazu beschäftigt sich unser nächster Blog mit Spinngeräten in Männerhand!

 

 

 

 

Im Text zitierte antike Quellen:

Apuleius: R. Helm (Hrsg. und Übersetzung), Apuleius, Metamorphosen oder Der goldene Esel. Schriften und Quellen der alten Welt 1 (Berlin 1956).

Ovid, Briefe an Heroinen: Th. Heinze (Hrsg. und Übersetzung), Ovid, Briefe von Heroinen (Darmstadt 2016).

Seneca, Herkules auf dem Öta. In: Th. Thomann (Hrsg. und Übersetzung), Seneca. Sämtliche Tragödien II (Stuttgart/Zürich 1969).

Sueton, Augustus: R. Till (Übersetzung), Sueton Cäsarenleben (Stuttgart 1939).

 

Ausgewählte Literatur:

Bourdieu, Unterschiede: P. Bourdieu, Die feinen Unterschiede. 24. Auflage (Frankfurt/M 2014).

Cremer, Spinnrocken: M. Cremer, Antike Spinnrocken. Boreas 19, 1996, S. 241-245.

Flach, Laudatio: D. Flach, Die so genannte Laudatio Turiae (Darmstadt 1991).

Gottschalk, Spinnrocken: R. Gottschalk, Ein spätrömischer Spinnrocken aus Elfenbein. Archäologisches Korrespondenzblatt 26, 1996, S. 483-500.

Gottschalk, Gräber: R. Gottschalk, Spätrömische Gräber im Umland von Köln. Rheinische Ausgrabungen 71 (Darmstadt 2015).

Haberey, Dorweiler: W. Haberey, Ein spätrömisches Frauengrab aus Dorweiler, Kr. Euskirchen. Bonner Jahrbücher 149, 1949, S. 82-93.

König, Fingerkunkel: G. G. König, Die Fingerkunkel aus Grab 156. In: K. Roth-Rubi/H. Sennhauser, Römische Straße und Gräber. Verenamünster Zurzach. Ausgrabungen und Bauuntersuchungen 1 (Zürich 1987) S. 129-141.

Larsson Lovén, Textile making: L. Larsson Lovén, The imagery of textile making. Gender and status in the funerary iconography of textile manufacture in Roman Italy and Gaul (Göteborg 2002).

Marquardt, Privatleben: J. Marquardt, Das Privatleben der Römer. 2. Auflage (Leipzig 1886).

Pirling, Kunkel: R. Pirling, Klothos Kunkel. In: Th. Haevernick/A. von Saldern (Hrsg.), Festschrift Waldemar Haberey (Mainz 1976) S. 101-109.

Schwinden, Spielwürfel: L. Schwinden, Ein Spielwürfel mit Buchstaben aus dem römischen Trier. Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier 35, 2003, 36-45.

Trinkl, Wirkungskreis: E. Trinkl, Zum Wirkungskreis einer kleinasiatischen matrona anhand ausgewählter Funde aus dem Hanghaus 2 in Ephesos. Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts in Wien 73, 2004, S. 281–303.

 

Bildnachweise:

1, 2, 4, 9 a-d: Gisela Michel, 3, 5 a-d, 7 a-b, 10 a-d: Raymund Gottschalk

6: Wikipedia (Autor Valdavia) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Villa_Romana_de_La_Olmeda_Mosaicos_romanos_005.jpg

8: © The Trustees of the British Museum. https://www.britishmuseum.org/collection/image/259776001

Hinweise: Abb. 8 ist nicht-kommerziell frei nutzbar, Copyrightregeln und Erlaubnisse British Museum sind hier:

https://www.britishmuseum.org/terms-use/copyright-and-permissions

Author:

Dr. Raymund Gottschalk

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Gisela Michel M. A.

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