Heute vor 80 Jahren: Alfred Rosenberg im Germanengehöft

1937 stand Alfred Rosenberg an einem Wendepunkt seiner mörderischen Karriere. Lange hatte er auf den Außenministerposten hingearbeitet, der ihm jedoch von Joachim von Ribbentrop weggeschnappt worden war. Und auf seinem ureigenen Gebiet, der ideologischen Grundlagenproduktion, machte ihm zunehmend Heinrich Himmler Konkurrenz. Rosenberg war zu diesem Zeitpunkt der einzige große Nationalsozialist ohne echte Machtposition. Sein Amt trug die ebenso umständliche wie nichts Gutes ahnen lassende Bezeichnung "Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" . Es hatte zwar auf dem Papier Ministeriumsrang. Aber echte Möglichkeiten waren dem nationalsozialistischen Superstar damit nicht gegeben.

Auch im Oerlinghauser Sennesand steckte Rosenberg vor heute genau 80 Jahren fest: Nach dem Besuch des "Germanengehöfts" drehten die Reifen seines schweren Mercedes hohl. Er konnte von Glück reden, dass an diesem Sonntag eine Grabungsmannschaft mitsamt Spaten anwesend war, die seine Staatskarosse wieder freischaufelte. Um den eng getakteten Terminplan einzuhalten, wurde der große Funktionär kurzerhand in einen von einer Frau gesteuerten DKW-Kleinwagen gesteckt, der ihn in eiliger Fahrt über eine Straßensperrung hinweg zu seinem nächsten Programmpunkt verfrachtete: dem Sternhof in Schlangen. All dies hat man akribisch im Grabungsbericht  festgehalten.

Wieso kam der Chefideologe der NSDAP ausgerechnet in die Bergstadt? Äußerer Anlass dazu waren zwei archäologische Großgrabungen, die seit dem 1. Juli in Oerlinghausen liefen. Die aufgedeckten Flächen waren zu diesem Zeitpunkt wie aufgeblätterte Bücher vor den Besuchern ausgebreitet. Eine Untersuchung fand auf dem Gelände des Freilichtmuseums statt: Das ein Jahr zuvor mit internationaler Resonanz eröffnete "Germanengehöft" sollte dadurch wissenschaftlich abgesichert werden. Und die zweite Grabung galt dem Tönsberg, der bedeutendsten frühgeschichtlichen Höhensiedlung Lippes. Ergänzt wurden die beiden Oerlinghauser Projekte durch eine Grabhügeluntersuchung in Schlangen-Oesterholz. Die grabungstechnischen Standards übertrafen alles bislang in der lippischen Provinz bekannte. Denn sie wurden direkt von der Universität Berlin geleitet. Dort hatte Hans Reinerth, der Leiter von Rosenbergs "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte", den renommierten Lehrstuhl übernommen. Der Reichbund hatte den Anspruch, sich als zentrale deutsche Archäologieorganisation durchzusetzen. Über einen ganzen Monat hinweg - vom 8. Juli bis zum 8. August - leitete Reinerth die Projekte persönlich vor Ort. Besuch erhielten die Oerlinghauser Grabungen von der internationalen Fachprominenz, etwa von dem niederländischen Pionier der Moorarchäologie, Albert van Giffen.

Rosenbergs Reichsbund scheint demnach in diesem Sommer bewusst in Lippe Flagge gezeigt zu haben. Grund dafür war sicherlich die Rivalität mit Heinrich Himmler. Dessen Organisation, das SS-Ahnenerbe, hatte ein Jahr zuvor die archäologischen Untersuchungen an den Externsteinen okkupiert. Dem wollte der Reichsbund in der Öffentlichkeit mit offensiv zur Schau gestellter, modernster Grabungstechnik begegnen. Rosenbergs Besuch in Oerlinghausen wurde entsprechend intensiv medial begleitet. Hans Reinerth sprach eine Woche später im Oerlinghauser Stadthotel über die Forschungsergebnisse vor der zahlreich angereisten NS-Parteiprominenz, unter anderem den beiden Landräten von Detmold und Lemgo, der Kreisleitung und dem Bürgermeister. Die politischen Leiter der Region besuchten die Tönsberg-Grabungen "truppweise".

Die Folgen: Beide Grabungen blieben, wie so viele Forschungsprojekte des Reichsbundes, unveröffentlicht. Am Tönsberg wurde erstmalig klar, dass dort oben in unterschiedlichen Perioden Verteidigungsanlagen standen. Zuvor ging man zunächst von einer rein "germanischen" und danach von einer rein "sächsischen" Höhensiedlung aus. Die Schnitte Reinerths zeigten dagegen klar die Mehrphasigkeit des Walles. Eine Kopie der Planunterlagen der Tönsberg-Grabung hat sich im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen erhalten. Dessen Direktor, Herr Prof. Gunter Schöbel, machte sie uns dankenswerterweise zugänglich.

Aber auch der bis heute grassierende Mythos, auf dem Tönsberg hätte das zentrale sächsische Heiligtum, die "Irminsul" gestanden, stammt aus dieser Zeit. Diese haltlose Vermutung soll Hans Reinerth bei seinem Vortrag im Stadthotel ins Spiel gebracht haben. Und Alfred Rosenberg? Der wurde 1946 für seine vielfältigen Verbrechen als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete und bei der Shoa durch den Strang hingerichtet.

Karl Banghard

 

Weiterführend der passende Artikel der Neuen Westfälischen.

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