Ein Besuch an den Ales Stenar in Südschweden

In meinem wissenschaftsgeschichtlichen Dissertationsprojekt an der Universität Bielefeld erforsche ich die Entstehung astronomischer Deutungsangebote im Feld der Vor- und Frühgeschichte. Das bekannteste so interpretierte Objekt ist Stonehenge in Südengland, das nicht nur die esoterische Szene bis heute als prähistorisches Kalendermonument abfeiert. Auch in der Region Ostwestfalen-Lippe gibt es ein Denkmal, das astronomisch gedeutet wurde und wird: Die Externsteine bei Detmold. In den 1920er-Jahren verbreitete hier der völkische „Germanenforscher“ Wilhelm Teudt seine wissenschaftlich widerlegte aber äußerst wirkmächtige These vom „Germanischen Heiligtum“ und „Gestirnobservatorium“. Bis heute liest man in den Lokalzeitungen immer wieder über vermeintlich „neue“ Entdeckungen von Anhänger_innen Teudts, die dessen Theorien und die anderer Völkischer weitertragen und neu auflegen.

Im November 2018 verbrachte ich im Rahmen eines Desk Exchange Programms zwei Wochen im schwedischen Lund, um an der dortigen Universität an meiner Dissertation zu arbeiten. In einem Seminar, in dem ich mein Projekt vorstellte, gaben mir die schwedischen Historiker_innen den Tipp „Schau Dir doch mal die Ales Stenar im südlichen Skåne an – das könnte Dich interessieren!“ und mit einem Augenzwinkern fügten sie hinzu: „Das ist das schwedische Stonehenge“.

 

Ein Schiff aus Stein

Wie ich schnell herausfand, meinten die Kolleg_innen mit diesem Vergleich nicht etwa eine zeitliche Gleichstellung, sondern die ähnlich kontrovers diskutierten Deutungen um das Monument. Die „Ales Stenar“ nahe des kleinen Ortes Kåseberga sind 59 große, senkrecht aufragende und zu einem Oval angeordnete Steinblöcke auf einem Hügel direkt an der südschwedischen Ostseeküste. Die Steine bestehen aus Granit und Sandstein, manche sind bis zu 1,8 Tonnen schwer und ragen bis zu drei Meter hoch. Sie bilden eine sogenannte Schiffssetzung – das sind symbolische Repräsentationen von Schiffen, von denen es viele in unterschiedlichen Größen in Skandinavien gibt – das Steinschiff von Ale ist mit 67 Metern eines der größten und eine bekannte touristische Attraktion in Schweden mit jährlich 700.000 Besucher_innen.

Von 1989 bis 2012 wurden die Steine von Ale und ihre Umgebung von Archäolog_innen der Universität Lund eingehend untersucht. Bei den Grabungen fanden sie relativ wenige Objekte innerhalb der Setzung: einige Flint-Werkzeugfragmente, Keramikscherben, Holzkohlereste und eine Urne. Datiert wird das Monument auf die Wikingerzeit, also in die Zeit zwischen 550 und 1050 n.Chr. Einige Funde deuten darauf hin, dass die Schiffssetzung auf einem älteren Bestattungsplatz errichtet wurde. Die großen Steine beschafften die Erbauer_innen vermutlich aus älteren Dolmen und Megalithgräbern in der unmittelbaren Umgebung, indem sie das Baumaterial einfach wieder verwendeten. So erklären sich auch die runden Verzierungen auf den Steinen, die sich jedoch an zum Teil nicht sichtbaren Stellen, wie unter der Erde, befinden. Die Fachleute nehmen an, dass der Ort und seine Umgebung über einen langen Zeitraum, seit dem Neolithikum, von Menschen genutzt wurde und wandelnden Funktionen gedient habe – als Grabstätte, Versammlungsplatz, Macht- und Repräsentationsort.

 

Das „schwedische Stonehenge“

Neben dieser wissenschaftlichen Lesart des Monuments gibt es auch eine esoterische: Der selbsternannte Archäoastronom Bob G. Lind behauptet, die Steine von Ale seien wesentlich älter und hätten einem bronzezeitlichen Sonnenschiff-Kult als Kalender gedient. Von einem festen Standort innerhalb des Ovals sollen die Sonnenwenden sowie Tag- und Nachtgleichen beobachtet worden sein. Wozu die Menschen, die um 800 v.Chr. in Schweden gelebt haben und sonst keine Schriftzeugnisse hinterlassen haben, einen tagesgenauen Kalender hätten gebrauchen können, erklärt Lind allerdings nicht. Aber er stellt die Präzision des vermeintlichen Kalenders auf eine Stufe mit der frühen babylonischen und ägyptischen Astronomie. In Anspielung auf wissenschaftlich stark umstrittene Publikationen zu Stonehenge aus den 1960er-Jahren, die das südenglische Monument zu einem prähistorischen Computer erklärten, verkündete Lind 2012, die Ales Stenar „decodiert“ zu haben. Als vermeintlich wissenschaftlicher Fürsprecher und Co-Autor trat Nils-Axel Mörner auf. Der ehemalige Dekan der Fakultät für Paläogeophysik und Geodynamik an der Universität Stockholm argumentiert gegen den Anstieg des Meeresspiegels und hält Wünschelruten-Gehen für eine wissenschaftliche Methode. 1995 verlieh ihm die schwedische Organisation zur Förderung von Wissenschaft und Bildung den Titel „Confuser of the Year“. Lind und Mörner behaupten, das Steinschiff von Ale beruhe auf den selben geometrischen Grundprinzipien wie Stonehenge und weise in seiner Konstruktion ebenfalls das „Megalithische Yard“ auf – eine vermeintlich prähistorische Maßeinheit, die in der Wissenschaft aber ebenso wenig ernst genommen wird wie Linds eigene Theorien.

 

Ein Besuch an den Ales Stenar

Nun kann man sich fragen, was dagegen einzuwenden ist, wenn Menschen sich auf private Sinnsuche begeben und die für sie persönlich wichtigen Orte und Objekte mit eigenen, manchmal esoterischen, Narrativen erklären? Ich würde antworten: Nichts! Problematisch wird es aber, wenn solche irrationalen Deutungen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder sogar Wissenschaftlichkeit erheben, den Bereich des Privaten verlassen und in den öffentlichen Raum drängen.

Und genau diese Situation fand ich bei meinem Besuch an den Ales Stenar vor: Bereits auf dem Parkplatz am Ortseingang des kleinen Ortes Kåseberga erstaunte mich eine Informationstafel, auf der zahlreiche offizielle Logos der Kommunen und der EU angebracht waren und die die esoterische Kalender-Deutung völlig gleichberechtigt neben die wissenschaftlich abgesicherte Erklärung stellt: „Nobody knows for sure what the Ale Stones are or represent. A thousand year old ship barrow or a prehistoric almanac.“ Im Weitergehen wunderte ich mich noch über eine so offensichtliche Aufwertung völlig unwissenschaftlicher Theorien durch öffentliche Träger, als mich kurz vor dem Denkmal eine regelrechte Schilderwand stoppte: Hier nun standen zwei unterschiedlich gestaltete Informationstafeln in scheinbarer Eintracht nebeneinander, die aber unterschiedlicher in ihren widerstreitenden Deutungen nicht sein konnten: Die eine berichtete in sachlichem Ton über die ersten schriftlichen Erwähnungen der Schiffssetzung im frühen 16. Jahrhundert sowie über die Funde und Befunde der archäologischen Grabungen; die andere, fast doppelt so große gelbe Tafel (mit zahlreichen „© B G Lind“-Vermerken) pries bildgewaltig die vermeintliche Funktion der Steine als Kalender und Sonnenschiff an.

Wie hatte Bob Lind es geschafft, dass seinen privaten abgedroschenen Theorien zu einem Denkmal in staatlicher Trägerschaft solch ein großer und öffentlicher Raum zugesprochen wurde?

Mit Penetranz und Impertinenz – Dieser Eindruck entstand bei mir jedenfalls nach meiner weiteren Recherche: In der Lokalpresse von Ystad tritt Lind mit seinen Theorien vehement und aggressiv auf und präsentiert sich in der Öffentlichkeit als „unabhängiger Forscher“, der gegen eine vermeintlich voreingenommene Wissenschaft und für sein angeblich in Frage gestelltes Recht auf Meinungsfreiheit kämpft. Dabei greift er seine Kritiker_innen nicht nur verbal an – 2012 stand er sogar vor Gericht wegen eines tätlichen Angriffs auf eine Touristenführerin der Kommune (zu einer Verurteilung kam es nicht). Auf seiner Homepage werden Wissenschaftler_innen auf das übelste diskreditiert. Seine Theorien scheinen wenige, aber dafür sehr lautstarke, Unterstützer_innen zu haben. Sie führen sogar Gruppen am Denkmal. Die Behörden scheinen dem Druck dieser kleinen lautstarken Gruppe selbsternannter Expert_innen nachgegeben haben.

 

Wissenschaft vs. „alternative Fakten“

Ich frage mich, was ich als Historikerin tun kann, wenn „unabhängige Forscher_innen“ Theorien verbreiten, die wissenschaftlich unhaltbar sind und zweifelhafte – manchmal sogar äußerst problematische – Geschichtsbilder vermitteln? Auf der einen Seite könnte eine wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Deutungen diese aufwerten und ihnen damit den Anschein wissenschaftlicher Relevanz verleihen, die sie aber nicht besitzen. Auf der anderen Seite läuft Wissenschaft Gefahr, ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung nicht nachzukommen, wenn sie zu öffentlich vorgetragenen „alternativen Fakten“ schweigt und damit nicht zur Aufklärung beiträgt. Wie sollten Wissenschaftler_innen also mit unwissenschaftlichen und esoterischen Theorien in der Öffentlichkeit umgehen?

Diese Frage habe ich Björn Wallebom gestellt. Er ist Archäologe an der Universität in Lund, beschäftigt sich seit Jahren mit der wissenschaftlichen Erforschung und Deutung der Ales Stenar und war an Grabungen beteiligt. Er setzt sich auch in der Öffentlichkeit kritisch mit den esoterischen Theorien auseinander und unterstützt andere Kolleg_innen, die von Lind angegriffen werden. Björn hält es für falsch und skandalös, dass die Behörden klein beigegeben haben und die Gruppe um Lind an der Schiffssetzung gewähren lassen. In dem Vorgang sieht er eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung und verdeutlicht mir seine Bedenken mit einem sprechenden Vergleich: Stell' dir vor, es ginge um ein anderes wissenschaftliches Feld – Medizin zum Beispiel. Wer würde es erlauben, dass jede_r die persönlichen Ansichten über die Behandlung von Krebs auf Informationstafeln in den Krankenhäusern verbreiten dürfte?

Als Archäologe sieht Björn sich in der Pflicht, öffentlich Stellung zu beziehen und die Position der Wissenschaft gegenüber esoterischen und unwissenschaftlichen Theorien zu stärken. Auf meine Frage, wie Wissenschaftler_innen reagieren sollten, beeindruckt er mich mit einem starken Statement: „As a professional archaeologist, one must stand up for science and fight for it, although it can sometimes be tough. […] [A]s an official, one cannot surrender in the way that happened in the case of Ale's stones. It creates a distrust of science and adds fuel to the existence of alternative facts. We must believe in what we do and stand up for it. Otherwise we make ourselves and the society a disservice. So, when the newspapers, for example, report on pseudoscience without questioning or letting the established science respond to it, it is our duty as researchers to go into defence of science. That's my opinion.”

Gemeinsam mit anderen Kolleg_innen setzt sich Björn dafür ein, dass die Behörden die privaten Infotafeln entfernen. Ich hoffe sehr, dass sie Erfolg haben werden. Mein Besuch an den Ales Stenar hat mir gezeigt, dass die Deutung von Denkmälern als prähistorische Kalender ein weit verbreiteter Trend zu sein scheint. Der Archäologe Martin Rundkvist wird in einem Spiegel-Artikel über die Steine von Ale zitiert: „New-Age-Mystiker mögen nun einmal aufrecht stehende Steine. Das ist durchaus eine internationale Bewegung“. Wohl wahr! Und ich würde mir wünschen, dass Fachleute überall so engagiert dagegen Stellung beziehen, wie Björn und seine Kolleg_innen.

 

Stefanie Haupt

 

Literatur über die Ales Stenar:

Bengt Söderberg/Björn Wallebom: Monumental make over? Remains of a long dolmen close to the ship-setting Ale's stones, in: Lars Larsson/Fredrik Ekengren/Bertil Helgesson/Bengt Söderberg (Hg.): Small Things, Wide Horizons. Studies in Honour of Brigitta Hårdh, Oxford 2015, S. 281–288.

Bengt Söderberg/Annika Knarrström: New light on Ale's Stones, in: Lund Archaeologial Review, 21 (2015), S. 87–106.

Author:

Stefanie Haupt

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