Ein archäologischer Volltreffer am Schützenplatz. Das Jadeitbeil vom Landerweg

Der Schützenplatz in Oerlinghausen war schon in der Jungsteinzeit ein besonderer Ort. Dort hatte man vor sieben Jahrtausenden ein kostbares Steinbeil aus Jadeit vergraben, das eine ungewöhnliche Geschichte erzählt. Wiederentdeckt wurde es vor kurzem im Lippischen Landesmuseum von Birgit Gehlen, einer Archäologin, die an der Universität Köln arbeitet. Bereits 1937 hatte es der Gründer unseres Museums, Hermann Diekmann, ausgegraben. Aber niemand erkannte in den letzten 80 Jahren die Bedeutung des guten Stückes und so schlummerte es über Generationen hinweg seinen Dornröschenschlaf im Magazin.
Das Steinbeil stammt vom südwestlichen Alpenbogen, höchstwahrscheinlich vom Monte Viso, 70 Kilometer südwestlich von Turin. Am Fuß dieses beeindruckenden, bis weit in die Poebene hinein sichtbaren Berges wurden im Jahr 2003 große jungsteinzeitliche Steinbrüche entdeckt. Dort baute man in 1700 bis 2400 Metern Höhe Jadeit ab, das nach mineralogischen Untersuchungen genau das Rohmaterial für die meisten dieser Beile war. Der intensive Abbau musste in den Sommermonaten erfolgen, denn im Winter ist es in solchen Höhen dafür zu kalt.
Das Oerlinghauser Beil datiert in die Zeit zwischen 5000 und 4200 vor Christus. Wir kennen seine genauen Fundumstände nicht. Dort, wo man beim Ausgraben genauer hingeschaut hat, wurden solche Beilklingen häufig aufrecht stehend angetroffen, meist mit der Schneide nach oben. Die Steinzeitmenschen hatten sie also bewusst deponiert und nicht einfach verloren. Dafür spricht auch, dass Jadeitbeile in der Regel an besonderen Orten gefunden werden: An Felsen, in Mooren, bei Höhleneingängen und Wasserfällen. Auch das Umfeld des Schützenplatzes hat aufgrund seiner Nähe zur Landerquelle eine eigene topografische Qualität.

Allein das spricht schon für eine hohe Wertschätzung dieser Prunkklingen. Jadeitbeile wurden mehr als andere Steinbeile akribisch geschliffen und auf Hochglanz poliert. Viele davon sind für die Praxis zu weich und zu dünn, sie wurden nur für den schönen Schein geschaffen. In Norditalien, Frankreich, England und Deutschland hatten diese Prestigeobjekte offensichtlich dieselben Bedeutungen. Denn man hat sie nicht nur über riesige Distanzen ausgetauscht (der Monte Viso ist immerhin 1100 Kilometer Luftlinie von Oerlinghausen entfernt), sondern auch in ganz ähnlicher Form deponiert. Sehr augenfällig wird die Bedeutung des Materials in den monumentalen Grabhügeln in der Bretagne: Aus ihnen stammen Jadeitbeile in großer Menge und Qualität. Ein schönes Beispiel dafür sind die Nobelbeile aus dem Tumulus St. Michel, einem gigantischen Grabhügel der Jungsteinzeit. Jadeit war im fünften vorchristlichen Jahrtausend wertvoller als Gold. Dort, wo man viel Gold in dieser Zeit gefunden hat – etwa im bulgarischen Varna – ging die soziale Schere nie so stark auseinander, wie bei den Fundplätzen, an denen Jadeit die zentrale Rolle spielt. 
 

Und was lernen wir daraus? Archäologie soll nicht selten vermeintliche ewige Werte bestätigen. Einer davon ist der des Goldes. Stößt man bei einer Grabung auf Gold, wird gejubelt. Zugegebenermaßen ist ein Goldfund tatsächlich beeindruckend, da das Metall nicht korrodiert und deshalb wie neu aus der Erde glänzt. Automatisch glaubt man, dass Gold zu allen Zeiten das wertigste Material war. Es gibt jedoch Epochen, in denen das anders gewesen sein dürfte: In der späten Bronzezeit etwa scheint in manchen Regionen Silber wertvoller als Gold gewesen zu sein. In der Kupferzeit war wohl Jadeit das Prestigematerial Nummer 1. Ein chinesischer Archäologe, der mit der Bedeutung von Jade aufgewachsen ist, würde diese Situation sicher realistischer einschätzen, als wir auf den absoluten Goldwert eingeschworene Europäer. Wir kreieren immer wieder Ausstellungen mit Titeln wie „Gold der Kelten" oder „Gold der Skythen" um dem Publikum die Gewissheit zu vermitteln, Goldbesitz war schon immer eine sichere Bank – und wird es auch immer bleiben. Ein Blick auf die Sponsorenlisten solcher Schauen zeigt, wer das größte Interesse an diesem kollektiven Glauben hat. Schließlich profitiert derjenige am meisten vom fiktiven Goldwert, der am meisten Gold besitzt.
Eins bleibt aber: das Schützengelände war schon vor 7000 Jahren ein Ort für gemeinschaftliche Rituale. Allerdings konnten wir unseren Schützenkönig nicht dazu erweichen, in Würdigung der Tradition des Ortes dort seinen Porsche feierlich zu vergraben. Der Wert der Karosse dürfte jedenfalls dem des Jadeitbeiles entsprochen haben.
 

Karl Banghard

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