Disteln in der Bronzezeit

Wer denkt bei Disteln schon an Gemüse? Die Menschen der Bronzezeit hatten aber die geschälten Blattstiele und –rippen der Distel anscheinend auf dem Speisezettel. Archäologisch nachgewiesen ist vor allem die Distelart Onopordum acanthium. Onopordum ist kein schmeichelhafter Name: Er bedeutet Eselsfurz. Dieser Name ist nicht fair. Denn Onopordum kann man nicht nur essen, sondern auch als Heil- und Ölpflanze verwenden. Darüber hinaus lassen sich die Distelhaare zu feinem Garn und zum so genannten Disteltuch verspinnen.

Im bronzezeitlichen Siedlungsausschnitt des Freilichtmuseums Oerlinghausen haben wir deshalb diesen Sommer einen kleinen Test zum Distelanbau gestartet. Die Anbaufläche hat dieselben Ausmaße und Bodenverhältnisse wie bei dem archäologischen Vorbild, der mittelbronzezeitlichen Siedlung von Telgte. Unser Test ist keine experimentelle Archäologie, er dient in erster Linie dazu, fremde Wirtschaftsformen zu vermitteln. Die Saat ging prächtig auf. Nächstes Jahr dürfen wir – neben dem ökonomischen Nutzen – sicherlich auch spektakuläre Blüten erwarten.

In den antiken Schriftquellen findet sich immer wieder der Name cactus. Unter Kaktus verstehen wir heute als Botaniker einen Vertreter der amerikanischen Cactaceae. Der Normalbürger benennt mit Kaktus alle möglichen sukkulenten Gewächse mit und ohne Stacheln. Ohne Rücksicht auf pflanzensystematische Korrektheit werden auch blattlose Euphorbiaceae dazu gerechnet sowie einiges aus den Liliales, wie Aloe und Agave. Das Wort ist alt; älter als die Entdeckung Amerikas, mit der traditionell die Neuzeit beginnt. Cactus ist das latinisiert geschriebene griechische κάκτος, das im Übrigen als übernommen aus vorgriechischer Sprache und Zeit gilt. Dieses sehr alte Wort ist gewandert von einer Pflanze zur anderen.

Es gilt die Pflanze zu suchen, von der die Wanderung ihren Anfang nahm. Sie muss altweltlich sein, im Südosten verbreitet, sie muss so unverwechselbar sein, dass sie einen eigenen Namen verdient, und sie muss scheußlich stachelig sein; eher ein kurzlebiges Kraut als ein wehrhaftes Holzgewächs, die traditionell als dornig bezeichnet werden, nicht als stachelig. Das Etymologische Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen von Helmut Genaust (2005) schreibt dazu s. v. Cactaceae: „lat. cactos, cactus ‹distelähnliche Sippe mit eßbarem Stengel und «Blütenboden»› (Plin. […])“ – „gr. káktos ‹distelähnliche Sippe Siziliens› (Theokr. […]), káktoi ‹eßbare Stengel dieser Pfl.› (Theophr.); Fremdwort unbekannter Herkunft“. Und weiter unten: „Als im Verlauf des 16. Jh. die Opuntien als erste Kaktusgewächse Amerikas im Mittelmeergebiet auftauchten und sich namentlich auf Sizilien verbreiteten (Hehn 2), wurde zunächst diese Gattung mit dem antiken Namen cactus belegt, und zwar primär nach ihren fleischigen (sukkulenten) «Stamm»-Abschnitten und ihren essbaren Früchten, sekundär erst nach ihrem «stacheligen» Charakter“. Die Stacheligkeit der Vegetation nimmt in der Alten Welt von Norden nach Süden zu. Das meiste Krautig-Stachlige bezeichnet der Volksmund als Disteln. Sehen wir uns unter den Disteln um: Von wirtschaftlicher Bedeutung ist die Große Distel, die Kardone Cynara cardunculus, die kleine Schwester der heute bedeutenderen Artischocke Cynara scolymus. Doch sind Artischocken und Kardone oder Cardy nicht altweltlich-kontinentalsüdöstlich. Die mangelhafte Frostfestigkeit spricht für atlantisch-westmediterrane oder subtropische Herkunft.

Schriftliche Hinweise oder archäologische Funde, die über das Römische hinaus in die zeitliche Tiefe gehen, fehlen für Cynara. Welche heutige Distelgattung sich hinter dem σχόλυμος der altphilologischen Literatur verbirgt, ist nicht sicher, es muss ein Kochgemüse sein, vielleicht die Gattung Cynara. Der heutige Scolymus hispanicus, die Golddistel, gilt z. B. als andalusisches Wildgemüse. Frostfest, südosteuropäisch verbreitet mit zeittiefer archäobotanischer Nachweis-Geschichte, lebenstüchtig verwildernd, eindrucksvoll einen eigenen Namen wert ist die mannshohe Eselsdistel Onopordum acanthium, die es als scotch thistle sogar ins schottische Wappen geschafft hat. Die unverwechselbare Pflanze hat viele andere Namen (mehr als drei Spalten im Marzell [2000] s. v. Onopordon acanthium). Onopordum ist eine vielseitig verwendbare Heil- und Nutzpflanze, sie gehört im sommerwarmen niederschlagsarmen Klima zum romantischen Dorfbild, wie andernorts die Große Klette. Als Beispiel für ein mitteleuropäisches botanisches Handbuch listet Hegi in der ersten Auflage und im unveränderten Nachdruck der ersten Auflage alle Nutzungsweisen auf: Heilpflanze; Gemüse (Rüben, junges Laub, Triebe, Blütenböden), Ölpflanze (aus den Früchten), Faserpflanze (Pappushaare und Filzbelag der Blätter gesponnen zu Garn und „Disteltuch“).

Dennoch gilt die Eselsdistel bisher, wenn sie archäobotanisch nachgewiesen wird, oft nur als Unkraut, als Vertreter der synanthropen Vegetation, selten als mögliche Nutzpflanze. Diese Zögerlichkeit ist darin begründet, dass die Fruchtschalen der Eselsdistel die Zeiten auch unverkohlt überdauern können, wenn sie ruhig lagern, zum Beispiel in tiefen Schichten eines südosteuropäischen Siedlungshügels (Tell). Zudem sind sie als nahrhafte Frucht des Sonnenblumentyps auch begehrt für die Vorräte der bodenwühlenden Nagetiere. In der Größe entsprechen sie den Klettenfrüchten (Arctium spp.), sind jedoch so charakteristisch quergeriffelt, dass eine Verwechslung nicht möglich ist.

Im prähistorischen Olynth, im sogenannten Tell von Agios Mamas auf der griechischen Halbinsel Chalkidike habe ich unverkohlte und einige verkohlte Früchte von Onopordum in allen Schichten gefunden, insgesamt 27 unverkohlte und neun verkohlte (Becker/Kroll 2008). Dieses Verhältnis von drei Viertel unverkohlt zu einem Viertel verkohlt bei einer Stetigkeit von 3 % für unverkohlte Funde und 1 % für verkohlte Funde macht deutlich, dass man nur in ganz großen Fundmengen mit aussagekräftigen Glücksfunden rechnen kann. Im Material von Feudvar in der Vojvodina, heute Serbien, habe ich nur neun Früchte gefunden in mehr als 2000 Bodenproben; es gab keinen Anlass, diese wenigen Funde als mögliche Nutzpflanzen aufzulisten: Teucrium, Verbena, Malva und Hyoscyamus sind deutlich häufiger und stetiger (Kroll 1998). Maria Hopf (1962) hat in den amerikanischen Ausgrabungen der fünfziger Jahre von Lerna in der Argolis, Peloponnes, aus früh- bis mittelbronzezeitlichen Schichten 289 Onopordum-Kerne gefunden. Sie nimmt eine Nutzung an, kann sich aber zwischen Anbau und Verwendung unkrauthafter Bestände nicht entscheiden; da sind wir heute nicht weiter. Monika Hellmund hat tausend wohl verkohlte Früchte von Onopordum in einem

mittelneolithischen Grab in Anhalt gefunden (Ditfurt; Walternienburger/Bernburger Kultur). Sie wertet Onopordum als Wärme- und Lichtzeiger der synanthropen Vegetation, vergesellschaftet mit Adonis und Agrostemma (Hellmund 2008; dort sind auch weitere Onopordum-Funde aufgelistet). Im herzynischen Trockengebiet, im Regenschatten des Harzes ist Onopordum heute besonders dicht verbreitet (Benkert et al. 1996, Karte 1262). Ich habe Onopordum auch in Bruszczewo gefunden (zum Ort im westlichen Polen (s. Czebreszuk/Müller 2004; s. a. Kroll 2010), in einer befestigten Siedlung der Bronzezeit auf einem trockenen Sporn, der in ein Feuchtgebiet oder Gewässer hineinragt. Die Funde sind durch Lagerung in einem dauernassen Milieu unverkohlt erhalten. Im Sumpf wachsend ist Onopordum nicht vorstellbar, es muss durch menschliches Zutun in diese Erhaltungsumstände gekommen sein (Tab. 1). Es hat eine Erhaltungsauslese stattgefunden, zarte Pflanzenteile (z. B. Grasfrüchte, Poaceae) sind nicht erhalten, wohl aber hartschalige zähe Früchte und Samen. Für nachträgliche Durchmischungen, z. B. durch wühlende Mäuse, ist es zu nass, die Abdeckung durch Jüngeres ist massiv und sicher. In diesem Milieu ist die Bewertung von Onopordum als Dorfunkraut nicht möglich. Sie muss, wie Fragaria und Hyoscyamus, eine Nutzpflanze sein.

Um Onopordum etwas näher kennenzulernen, hatte ich es für zwei Jahre im eigenen Garten. Aus bescheidenen Blattschöpfen erhoben sich im zweiten Jahr übermannshohe prachtvolle Distelkandelaber mit imposanten Blütenköpfen. Das Beseitigen der stachligen Ungetüme vor der Samenreife ließ trotz lederner Arbeitshandschuhe sofort an Kakteen denken: Die Ähnlichkeit der Blütenköpfe mit Kugelkakteen ist frappierend.
Onopordum ist wohl der κάκτος der Alten, ein bitteres Gemüse und eine Heilpflanze, ähnlich verwendet wie heute die Artischocke oder die Kardone/Cardy. Deckt man die Disteln wie Spargel ab, gehen die Stachel zurück, sie werden dann zart und verlieren an Bitterkeit. So wird das Gemüse zart und köstlich. Diese Anbautechnik kennen wir heute nur noch von wenigen Gemüsen. Sie war in der Neuzeit aber weit verbreitet, nicht nur bei Spargel, Sellerie und Chicoree (i.e. Cichorium), sondern auch bei Meerkohl, Löwenzahn und Rhabarber. In Zeiten, in denen das Süße außerordentlich selten ist, wird das Bittere zur eigentlichen Sensation auf der Zunge.

 

Literatur

Becker/Kroll 2008

C. Becker/H. Kroll, Das Prähistorische Olynth. Ausgrabungen in der Toumba Agios Mamas 1994–1996. Ernährung und Rohstoffnutzung im Wandel. Prähistorische Archäologie in Südosteuropa 22 (Rahden 2008).

Benkert et al. 1996

D. Benkert/F. Fukarek/H. Korsch (Hrsg.), Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Ostdeutschlands (Jena 1996).

Czebreszuk/Müller 2004

J. Czebreszuk/J. Müller (Hrsg.),
Bruszczewo 1. Ausgrabungen und Forschungen in einer prähistorischen Siedlungskammer Großpolens. Studien zur Archäologie in Ostmitteleuropa 2 (Rahden 2004).

Genaust 2005

H. Genaust, Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen (Hamburg 2005).

Hegi

G. Hegi (ehem. Hrsg.), Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Mit besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zum Gebrauch in den Schulen und zum Selbstunterricht (München ab 1908).

Hehn 1874

V. Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa.Historisch-linguistische Skizzen (Berlin 1874).

Hellmund 2008

M. Hellmund, The Neolithic records of Onopordum acanthium,Agrostemma githago, Adonis cf. aestivalis and Claviceps purpurea in Sachsen-Anhalt, Germany. Vegetation History and Archaeobotany 17 (Supplement 1), 2008, S. 123–S130.

Hopf 1962

M. Hopf, Nutzpflanzen vom Lernäischen Golf. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 9, 1962, 1–19.

Kroll 1998

H. Kroll, Die Kultur- und Naturlandschaften des Titeler Plateaus im Spiegel der metallzeitlichen Pflanzenreste von Feudvar – Biljni svet Titelskog platoa u bronzanom i gvozdenom dobu – paleobotanička analiza biljnih ostataka praistorijskog naselja Feudvar. In: B. Hänsel/P. Medović (Hrsg.), Feudvar 1. Das Plateau von Titel und die Šajkaška – Titelski Plato i Šajkaška. Prähistorische Archäologie in Südosteuropa 13 (Kiel 1998) 305–317.

Kroll 2010

H. Kroll, Archeobotanika w Bruszczewie – wyniki i interpretacja. Die Archäobotanik von Bruszczewo – Darstellung und Interpretation der Ergebnisse. In: J. Müller/J. Czebreszuk/J. Kneisel (Hrsg.), Bruszczewo 2. Ausgrabungen und Forschungen in einer prähistorischen Siedlungskammer Großpolens. Badania mikroregionu osadniczego z terenu Wielopolski. Studien zur Archäologie in Ostmitteleuropa 6,1 (Bonn 2010) 250-287.

Marzell 2000

H. Marzell, Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Aus dem Nachlass hrsg. v. H. Paul (Wiesbaden 2000).

Author:

Dr. Helmut Kroll

Dr. Helmut Kroll war bis zu seiner Pensionierung Leiter der Archäobotanik am Institut für Ur- und Frühgeschichte Der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

Mehr posts von diesem Author

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

* Pflichtfelder müssen ausgefüllt werden