Der Ring am Ende des Fingers

Passt er oder passt er nicht? Immer wieder einmal stellt sich beim Messen des Innendurchmessers provinzialrömischer Fingerringe heraus, dass diese Schmuckstücke sehr eng sind. Aus rein praktischen Gründen werden Exemplare mit einer ausgesprochen geringen Innenweite daher gern als Ringe gedeutet, die Kindern gehört und gepasst haben. ​

Wenn solche Stücke in provinzialrömischen Gräbern gefunden werden, passt eine solche Deutung wenigstens auf den ersten Blick aber nicht immer zu den Verstorbenen. Konkret gilt das dann, wenn diese nach anthropologischen Kriterien bereits das Erwachsenenalter erreicht hatten. Die vorgeschlagenen Lösungsalternativen sind vielfältig und schließen sich nicht notwendigerweise aus. Frauen können sehr zierlich gewesen sein und schmale Finger gehabt haben. Alternativ dazu ist erwogen worden, dass Mädchen beispielsweise anlässlich ihrer Verlobung im jugendlichen Alter Ringe erhielten und diese auch später noch aufbewahrten und als Teil der Grabausstattung mitgegeben bekamen.

Einen anderen Ansatz, der in Teilen der aktuellen Forschung nur eine nachgeordnete Rolle spielt, hat bereits vor über 100 Jahren Friedrich Henkel in seinem großen Korpus „Die römischen Fingerringe der Rheinlande und der benachbarten Gebiete" ausführlich dargelegt. Bei der Lektüre von antiken Texten und der Betrachtung von römischen Bilddarstellungen stellte er fest, dass derartige Schmuckstücke durchaus auch an den vorderen Gliedern der unterschiedlichen Finger getragen werden konnten. Als Beleg sei hier nur ein Zeitzeuge aufgeführt, der ursprünglich aus Athen stammende Kirchenschriftsteller und um 215 n. Chr. gestorbene Clemens von Alexandrien. Als frommer Christ hat er eine eigene Sicht auf die Dinge. Clemens schreibt in seinem „Erzieher" (Clem. Paedag. 3, 11, zitiert nach der Übersetzung von O. Stählin): „Aber auch die Männer sollen den Fingerring nicht an einem Fingergelenk tragen (denn dies ist weibisch), sondern sie sollen ihn an den kleinen Finger, und zwar an das hinterste Glied stecken; denn so bleibt die Hand zu allem beweglich, wozu wir sie brauchen; und der Siegelring kann nicht so leicht herunterfallen, da er durch den stärkeren Gelenkknoten festgehalten ist." Clemens war fest im sozialen Habitus der gebildeten Oberschicht von Städten im Osten des römischen Reiches verankert. Seine moralisierende Anweisung dessen, was ein Christ nicht tun sollte, lässt sich insofern als Gegenentwurf zu Handlungen sehen, die der Autor aus seiner Lebenswelt kannte und ablehnte. Demnach haben sowohl manche Frauen wie auch wenigstens einige Männer (für Frauen war nach Clemens übrigens das Tragen von Siegelringen erforderlich und erlaubt) Ringe am Ende des Fingers getragen, und dadurch sowohl die genannten Einschränkungen wie auch das Verlustrisiko in Kauf genommen.

Natürlich hat ein Ring, der nur auf die Fingerkuppe und dann möglicherweise die des kleinen Fingers gesteckt werden soll, eine deutlich kleinere lichte Weite als einer, der ganz klassisch am ersten Glied des Ringfingers getragen wird. Henkel hat das auch selbst ausprobiert. Er konnte bei seiner Materialaufnahme feststellen, dass sich kleinformatige römische Siegelringe, die ihm in einer „normalen" Tragweise nie gepasst hätten, durchaus gut auf das Ende des Fingers ziehen ließen.

Möglicherweise ist ein Grund dafür, dass Henkels Ansatz zurzeit eher wenig Beachtung findet, der, dass er sich in den Befunden der Gräber kaum überprüfen lässt. Eine konkrete Entscheidung darüber, wo die Ringe im Einzelfall ganz genau getragen werden sollten oder konnten, ist nämlich in vielen Fällen nicht möglich. Bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. hinein war in den Nordwestprovinzen die Brandbestattung üblich. Wenn Schmuck mit den Toten verbrannt wurde, finden sich nur zerschmolzene Reste bei den Brandknochen. In Brandbestattungen gibt es zwar auch unverbrannte Beigaben. Fingerringe wurden, wie später dann auch bei Körperbestattungen, in Behältern wie Kästchen, Taschen oder Beuteln aufbewahrt und ins Grab gelegt. Auch diese Form der Verwahrung gibt aber keinen Hinweis auf die ursprüngliche Trageweise. Nicht zuletzt sind oft die Befunderhaltung, die Dokumentation und die Überlieferungsbedingung für Knochen für eine solch detaillierte Betrachtung unzureichend. In kalkarmen Böden sind Gebeine häufig so schlecht erhalten, dass für Ringe zwar manchmal eine Lage in der Nähe der Hand konstatiert werden kann. Wenn die Fingerknochen selbst vergangen sind, bleibt für genauere Aussagen kein Raum. So vielfältig die Nutzungs- und Trageweisen sind, sollte dann, wenn eigentlich zu kleine Ringe zu Grabinventaren gehören, diejenige am Fingerende als eine der Möglichkeiten in Betracht gezogen werden.

Für Funde aus Ansiedlungen lässt sich, anders als bei Gräbern, im Regelfall jedoch kein Bezug zu einer konkreten Person feststellen. Zahlreiche Ringe befinden sich überdies schon seit langer Zeit in großen Sammlungen, in solchen Fällen ist oft nicht einmal der genaue Fundort, geschweige denn ein Befundzusammenhang festzustellen. Ob die engen Stücke hier als ehemaliges Eigentum von Kindern gesehen werden sollten, ist auch noch von anderen Kriterien abhängig. Im Einzelfall wird man beispielsweise einen Siegelring eher einem Erwachsenen zugestehen wollen.

Ob die hier vorgestellte und auch hübsch anzuschauende Tragweise des Ringschmucks am vorderen Finger sich als historisch belegbares Detail in Reenactmentveranstaltungen etablieren wird, hängt von der Risikobereitschaft der Mitwirkenden ab. Die mahnenden Worte des Clemens, der eindrücklich vor dem Verlust der Pretiosen warnt, sind schließlich auch heute keineswegs von der Hand zu weisen.

 

Dr. Raymund Gottschalk
... forscht maßgeblich zum spätantiken Rheinland
 

 

Ausgewählte Literatur:

Friedrich Henkel, Die römischen Fingerringe der Rheinlande und der benachbarten Gebiete (Berlin 1913) bes. S. 341-346.

Alex R. Furger, Exkurs 3: Ringgrössen. In: Emilie Riha, Der römische Schmuck aus Augst und Kaiseraugst. Forsch. in Augst 10 (Augst 1990) S. 49-51.

Clemens von Alexandria, Der Erzieher. Übers. v. Otto Stählin. Bibliothek der Kirchenväter 8, 2 (München 1934).

Author:

Dr. Raymund Gottschalk & Dr. Sonja Ackermann

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