Apokalyptische Selbstüberschätzung – Wie unser Hirn bei Ancient Apokalypse funktioniert

 

"Nachdem ich meinen Studenten diese und ähnliche Beispiele von Selbstüberschätzung vorgestellt  habe, stelle ich eine  Frage:  «Wie  viele  Amerikaner  glauben Ihrer Ansicht  nach,  bessere Fahrer zu sein als der Durchschnitt?» Die Studenten rufen mir Zahlen zu, die weit über denen liegen, die wir gerade gehört haben: 80 oder 85 Prozent. Sie kichern dabei, weil das Ganze so unglaublich wirkt. Dann aber stellt sich heraus, dass sie mit ihren Schätzungen immer noch zu tief gegriffen haben. Die richtige Antwort ist tatsächlich: 93 Prozent."

Woo-kyoung Ahn, Klar Denken. Eine Anleitung (rowohlt 2022) 17f.

 

Wissen ist im Netz leicht zu haben. Ein Mausklick genügt, und es öffnet sich ein Füllhorn menschlicher Erfahrung. Kinderleicht und rasend schnell kommen wir an archäologische Informationen, für die wir vor dreißig Jahren noch in zugangsbeschränkten Universitätsbibliotheken tagelang blättern mussten. Diese Möglichkeiten sind natürlich ein riesiges Geschenk. Manche verlieren dabei aber das Gefühl dafür, wie mühsam echte archäologische Erkenntnis in der Regel ist. Winzige Verschiebungen etwa in der Chronologie der Merowingerzeit sind in unserem Fach ein entbehrungsreiches Lebenswerk.

Die Kognitionsforschung zeigt eindeutig: Was wir häufig gesehen haben, glauben wir zu können. So wusste eine von mir sehr geschätzte Frühmittelaltergruppe lange nicht, ob die Merowinger früher oder später als die Karolinger datieren (vielleicht weiß sie das bis heute nicht). In ihrem Schaffen und Wirken fühlt sie sich dem obengenannten Lebenswerk aber ebenbürtig. Denn wer erst einmal auf zwanzig Mittelaltermärkten war, weiß eben wie das Mittelalter funktioniert.

Dasselbe gilt für die Sofaarchäologie – der Konsum von zwanzig Terra X-Sendungen genügt vielen für die Illusion, selbst vom Fach zu sein. Und damit kommen wir zu dem derzeitigen Netflix-Schlager Ancient Apocalypse von Graham Hancock. Eigentlich wollte ich die Serie, für die sich keine inhaltliche Auseinandersetzung lohnt, nicht weiter pushen. Denn auch Kritik sorgt für Aufmerksamkeit. Mit etwas Bauchschmerzen habe ich mich ja bereits im Deutschlandradio Kultur dazu ausgelassen. Da Ancient Apocalypse aber eher in der angloamerikanischen Welt ein Thema zu sein scheint und da dieser Blog eine bescheidene Reichweite hat, ist das vertretbar.

Was mich an der Serie interessiert, ist ihr Verständnis von Archäologie. Fundglück und steile Thesen sind hier die Essenz unseres Faches. Das entspricht dem Bild von Archäologie in den Medien. Das Ausgraben überlässt Graham Hancock dabei den Fachinstitutionen. Sie scheinen für ihn ohnehin nur die Zulieferer für die nächsthöhere Verwertungsinstanz zu sein, die Medien. Die zweite Aufgabe, steile Thesen aufzustellen, übernimmt er mit großer Selbstverständlichkeit. Er und sein Millionenpublikum fühlen sich dazu auch vollauf in der Lage, schließlich haben sie Ähnliches schon zigmal im Fernsehen und im Netz konsumiert. Dass es dabei nur auf die Phantasie und nicht auf die vorhandenen Quellen ankommt, lebt einem die Medienpraxis vor. Rebelliert nun der Ausgrabungssektor gegen den Geschichtenerzählsektor, kommt dies einem Sklavenaufstand gleich, der mit großer Härte niedergeschlagen werden darf. Denn die Machtverhältnisse in diesem System sind klar. Archäologische Ergebnisse machen hier nur als Steinbruch für die mediale Ausschlachtung Sinn. Das erklärt auch die Schärfe der Attacken Hancocks gegen die „Mainstream-Archäologie“. Gegen sie scheint Netflix nichts einzuwenden zu haben, denn sie werden ja ausgestrahlt. Man kann deshalb nicht müde werden zu betonen: Archäologie ist eine Ressource, die Netflix viel zu billig bekommt.

Aber gab‘s das nicht auch schon vor unserer hypermedialen Zeit? Klar – werden viele sagen: Erich von Däniken! Er feierte mit einer ganz ähnlichen Erzählung vor Jahrzehnten einen Bestseller-Erfolg nach dem anderen. Der Däniken-Boom hatte seinen Höhepunkt Mitte der 1970er-Jahre. Was Däniken von Hancock jedoch unterscheidet, ist seine fröhliche Unbeschwertheit. Im Subtext suggeriert er seinem Publikum, dass ihm vorgeschichtliche Lebensformen eigentlich so fremd sind wie die kleinen grünen Männchen, die in denselben Geschichten auftauchen. Der Ton wirkt bei ihm spielerischer – Happy Trash zum Ausspannen nach einem harten Arbeitstag. Verbitterte Anklagen gegen die Mainstream-Archäologie, die sich gegen ihn verschworen hat, blieben bei Däniken weitgehend aus. Däniken wurde zwar auch von rechtsorientierten Verlagen vertrieben: Vor allem seine manische Suche nach Größe in der Vorgeschichte machen seine Erzählungen an rechte Gefühlswelten anschlussfähig. Heute wird er in QAnon & co. dennoch erstaunlich wenig rezipiert, was angesichts des Faibles für Abstruses in der Szene doppelt stutzig macht. Bei Däniken findet sie einfach zu wenig Autoritarismus und zu viel Universalismus.

Deshalb mein Tipp für alle Schwurbler und Sofakrieger dieser Zeit: Einfach mal den Ball flach halten. Nehmt es locker. Weltgeschichte, Ukraine und Corona sind komplexe Sachen, zu denen man nicht sofort eine Meinung haben muss. Auch wenn der mediale Alltag immer wieder subtil unterschiebt, dass dies möglich wäre. Ihr erspart Euch dadurch eine Menge Enttäuschung.

Karl Banghard

Kommentare

Supi,

ein Weg, dem den Wind aus den Segeln zu nehmen...

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